Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/355/
352 
ausgesetzt werden darf. Ich glaube, dass man sich das Hinein¬ 
spielen praktischer und sinnlicher Gesichtspunkte in die Naturbe¬ 
trachtung bei den meisten Menschen nicht stark genug vorstellen 
kann. Je weniger ästhetisch gebildet ein Mensch ist, um so mehr 
wird er bei der Anschauung der Natur an sein sinnliches Wohl¬ 
befinden, an seine praktischen Interessen denken. Ein Schweizer 
Bergführer und ein italienischer Fremdenführer setzen die Natur¬ 
schönheit ihres Vaterlandes gewiss wenn sie sie anschauen unwill¬ 
kürlich in Heller und Pfennig um. Bauern, Waldarbeiter, Schif¬ 
fer u. s. w. haben für die eigentümliche Schönheit der Natur, in 
der sie arbeiten, in der Regel gar kein Verständnis. Der „Natur¬ 
mensch “ schaut die Natur immer nur entweder als harte Herrin 
an, die er um jeden Preis bezwingen muss, oder als gütige Geberin, 
die ihm sinnliche Genüsse spendet. Zur freien ästhetischen An¬ 
schauung fehlen ihm in der Regel die geistigen Vorbedingungen. 
Auch bei Kindern kann man bis zu einem gewissen Alter 
nicht von ästhetischer Naturbetrachtung reden. Sie geniessen die 
Natur allerdings sehr, weit mehr als die Erwachsenen. Aber dieser 
Genuss ist ein rein sinnlicher. Die frische Luft und die durch sie 
geförderte Respirationsthätigkeit, das helle Licht und die lebhaften 
Farben, durch die ihre Sinne angeregt vrerden, die zahllosen 
Geräusche des überall pulsierenden Lebens, alles das steigert ihre 
Lebensthätigkeit, kitzelt ihre Sinne, giebt ihnen ein erhöhtes Gefühl 
ihres Ichs. Aber dieses Gefühl ist prinzipiell nicht sehr verschieden 
von dem, was der Mensch beim Essen und Trinken hat. Es 
scheint, dass der Erwachsene, der diese sinnliche Genussfähigkeit 
nicht mehr besitzt, in der ästhetischen einen Ersatz dafür findet. 
Ebenso fehlt die ästhetische Naturanschauung allen Natur¬ 
völkern. In der Lyrik der Primitiven spielt der Naturgenuss gar 
keine Rolle, unser modernes Schwelgen in der Natur ist ihnen 
ganz fremd. Die Natur ist ihnen entweder, wenn sie sie be¬ 
kämpfen müssen, eine Quelle der Unlust, oder wenn sie sie sinn¬ 
lich geniessen, eine Quelle der Lust, auf jeden Fall aber kein 
Gegenstand uninteressierter ästhetischer Anschauung. 
Auch unter den jetzigen Kulturmenschen giebt es viele, 
die einer ästhetischen Naturbetrachtung nicht fähig sind. Der 
Botaniker, der mit der Absicht die Flora des Landes kennen zu 
lernen Berg und Thal durchstreift, der Geolog, der ein Gebirge 
auf seine Formationen und seine Entstehungsgeschichte hin an¬ 
sieht, der Zoolog, der die Tiere klassifiziert und in die Entwicke-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.