Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/337/
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schränkung und Einzwängung der Natur sonst für einen Zweck 
haben sollte. Die Unterdrückung des Natürlichen ist doch an sich 
etwas sehr Unnatürliches. Der Mensch wäre niemals darauf ver¬ 
fallen, wenn nicht die Zweiheit der Vorstellungsreihen an sich, 
ganz abgesehen vom Inhalt, Lust erzeugte. 
Auch bei gewissen Formen des Tanzes kann man von einer 
Umkehrung der Illusion sprechen. Die rein sinnliche Schönheit 
des Serpentintanzes beruht auf den schwungvollen Linien der be¬ 
wegten Gewänder und dem wechselnden Spiel bunter Farben, das 
der elektrische Scheinwerfer auf den Körper der Tänzerin fallen 
lässt. Der künstlerisch Empfindende aber, besonders der, dessen 
Phantasie in ornamentalen Formen lebt, sieht in den bewegten 
bunten Gewändern ein in Bewegung gekommenes lineares Orna- 
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ment. Möglicherweise kann man Ähnliches auch beim Feuerwerk 
annehmen, und insoweit dies der Fall sein sollte, würde auch 
diese Kunst zu den eigentlichen Künsten gerechnet werden müssen. 
Doch will ich gern zugeben, dass die Mehrzahl der Menschen 
bei solchen Produktionen nicht an derartiges denkt, da ihr die 
geistigen Vorbedindungen für diese Anschauungsweise fehlen. Sie 
geniesst dieselben dann eben rein sinnlich, nicht ästhetisch. 
Daraus erkennt man aber wiederum, dass alle Künste, die 
in dieser Weise aus der umgekehrten Illusion erklärt werden 
können, niederen Ranges sind gegenüber denen, die eine richtige 
Illusion erzeugen. Denn es zeigt sich eben, dass diese umge¬ 
kehrte Illusion doch ein abgeleiteter und komplizierter Vorgang 
ist, ein Reiz, der keine grosse Bedeutung für das menschliche 
Leben hat. Die natürliche und ursprüngliche Art der Illusion ist 
offenbar die, bei der die Anschauung vom Kunstwerk ausgeht 
und zur Natur weiterschreitet. Denn die Kunst ist ja für den 
Menschen ein Ersatz des Lebens, sie hat für ihn nur den Sinn, 
dass er sich auf Grund eines Surrogates die Natur, das Leben vor¬ 
stellt. Es liegt eine gewisse Kompliziertheit und Unnatürlichkeit 
darin, dass hier der umgekehrte Weg eingeschlagen wird, indem 
man sich die Natur erst malerisch oder architektonisch oder orna¬ 
mental zurechtstutzt, um durch sie an ein Gemälde, ein Bauwerk 
oder ein Ornament erinnert zu werden. Dazu gehört schon eine 
gewisse Raffiniertheit der ästhetischen Anschauung. Es ist dies eben 
einer der Fälle, wo der Reiz der Illusion selbständig geworden ist, 
keinen besonderen biologischen Zweck hat. Aber dass die umge¬ 
kehrte Illusion überhaupt existiert, ist wiederum ein schlagender
        

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