Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/335/
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englischen Parks krumm und unregelmässig gewunden wie die 
der Natur. Aber sie waren doch wirkliche Gartenwege, sorgfältig 
gepflegt, so dass die ordnende Hand des Menschen an ihnen sicht¬ 
bar wurde. Allerdings waren die Teiche, Felsen u. s. w. nicht 
geometrisch abgezirkelt, sondern unregelmässig arrangiert. Aber 
diese Unregelmässigkeit hatte nicht ganz den zufälligen Charakter 
der Natur, sondern war gemacht, im Sinne einer ganz bestimmten 
Wirkung ausgedacht. Und der Besucher fühlte dieses Arrangement 
und wurde dadurch an einer Verwechselung mit der wirklichen 
Natur gehindert. Er glaubte nicht wirkliche Natur zu sehen, 
sondern fühlte durch die Formen der Natur hindurch die ord¬ 
nende Hand des Menschen. 
Offenbar handelt es sich auch hier um eine umgekehrte 
Illusion. Es ist derselbe Fall wie mit dem lebenden Bilde, nur 
sind an Stelle menschlicher Figuren Bäume, Sträucher, Wiesen, 
Felsen, Teiche u. s. w. getreten. Und der Unterschied des Land¬ 
schaftsgärtners vom Landschaftsmaler ist der, dass jener nicht wie 
dieser mit Surrogaten der Natur, mit Ölfarbe und Leinwand, 
sondern mit wirklichen Elementen der Natur arbeitet. Aber die 
Zusammenstellung dieser wirklichen Elemente fällt doch für das 
Bewusstsein des Menschen nicht ganz mit der Natur zusammen, 
deshalb kann ein ästhetischer Genuss zu stände kommen. Und 
dieser Genuss besteht in der Übersetzung der Natur in die Kunst. 
Denn diese englischen Parks sind eben nichts anderes als in Natur 
übersetzte Landschaftsgemälde Poussins, Claude Lorrains u. s. w. 
Man braucht sie nur in die Kunst zurückzuübersetzen, um sie 
ästhetisch zu gemessen. 
Etwas anders und doch wiederum im Grunde ebenso liegt die 
Sache bei den französischen Gartenanlagen des achtzehnten Jahr¬ 
hunderts. Ihr Kennzeichen besteht bekanntlich in ihrem architek¬ 
tonischen oder ornamentalen Charakter. Das bedeutet psychologisch 
nichts anderes als dass man ihre Formen unwillkürlich in die 
Architektur oder das Ornament übersetzt. In der That ist ja die 
Natur bei ihnen in ein architektonisch-stereometrisches Schema ge¬ 
zwängt. Diese geradflächig beschnittenen Taxushecken, diese kegel- 
oder kugelförmig zugestutzten Bäume, diese geometrisch umrissenen 
Beete in Form von Kreisen, Ovalen, Sternen u. s. w., diese 
schnurgeraden Wege, die die ganze Fläche in lauter gleiche Teile 
teilen, alles das ist ja nicht Natur, sondern Abwandlung der 
Natur im Sinne der Architektur. Wenn man eine Hecke so be-
        

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