Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/313/
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dieser komplizierten Charaktere schon in jeder Beziehung gelungen 
ist, d. h. ob sie dramatisch wirkt. 
Bei den nichtnachahmenden Künsten findet die Entwickelung 
natürlich nicht in der Richtung auf die Naturnachahmung, sondern 
in der auf die Illusion überhaupt, sei es nun Bewegungs-, Kraft- oder 
Stimmungsillusion statt. Wenn die Architektur eine Kunst der Be¬ 
wegungs- oder organischen Kraftillusion ist, so muss sich auch ihre 
Entwickelung in der Richtung vollziehen, die durch die Steigerung 
der Bewegungs- und Kraftillusion bezeichnet wird. Das ist nun in 
der That der Fall. Die römische Baukunst mit ihren Gewölbekon¬ 
struktionen und ihrer reichen plastischen Gliederung erzeugt eine 
grössere Bewegungsillusion als der griechische Tempel mit seiner 
horizontalen Balkendecke und seinen glatten Mauern, das mittelalter¬ 
liche Rippengewölbe ist bewegter und bringt die Illusion des orga¬ 
nischen Wachstums in höherem Masse hervor als das römische 
Kreuzgewölbe. Die gotische mit Strebepfeilern verstärkte Mauer 
wächst für die Vorstellung entschiedener empor als die glatte oder 
höchstens von Lisenen belebte romanische. Der gotische Spitzbogen 
ist bewegter als der romanische Rundbogen, und die Entwickelung 
vom Rundbogengewölbe zum Spitzbogengewölbe ist abgesehen von 
rein praktischen Erwägungen, die sich auf die grössere stereo¬ 
metrische Elastizität des Spitzbogens beziehen, gewiss in erster Linie 
dem Streben nach stärkerem Bewegungsausdruck zuzuschreiben. 
Die zunehmende Gliederung der Pfeiler und Säulen mit Diensten, 
die sich in den Rippen des Gewölbes fortsetzen, beruht durchaus 
nicht auf technischen Gründen, sondern lediglich auf ästhetischen 
Bedürfnissen. 
So kann man fast die ganze Entwickelung der mittelalterlichen 
Baukunst aus dem Bedürfnis nach Kraft- und Bewegungsillusion 
erklären. Dieses Bedürfnis findet seinen höchsten Ausdruck in 
den gebogenen teilweise naturalistischen Formen der Spätgotik, die 
schon geradezu barocke Formen annehmen. Schliesslich bricht 
die Entwickelung, da sie nicht mehr weitergehen kann, plötzlich 
ab und es erfolgt in der Renaissance eine Reaktion, die sich in 
die Form eines Zurückgreifens auf ältere weniger bewegte Formen 
kleidet. Und nunmehr beginnt die Entwickelung von neuem. 
Der Übergang von der mageren spielerisch verzierenden Früh¬ 
renaissance zur vollen und plastischen Hochrenaissance, von dieser 
zu der reichen und üppigen Spätrenaissance, endlich zum lebhaft 
bewegten und gebogenen Barock und Rokoko ist eine fortlaufende
        

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