Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/305/
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Dekorationsmaler des Jesuitenstils haben wir eine kontinuierliche 
Reihe von Lösungen des Problems, die bis zur Blütezeit der Natur 
stetig näher kommen, von da an durch Übertreibungen und manie- 
ristische Weiterbildungen desselben Prinzips über sie hinaus- 
schiessen. Hier kann man ja rein mathematisch, durch einfaches 
Nachkonstruieren, beweisen, dass die Blütezeit in Bezug auf 
Richtigkeit einen Höhepunkt darstellt, dass man vorher die volle 
Illusion der Natur nicht erzeugen konnte, weil man perspektivisch 
noch nicht richtig, nachher, weil man zu richtig, d. h. gesucht 
exakt, wissenschaftlich manieriert konstruierte. Dabei ist es für die 
Blütezeit ganz einerlei, ob die Perspektive wirklich konstruiert oder 
nur nach dem Gefühl entworfen war. Die volle Wirkung konnte 
eben nur erzielt werden, wenn der Erfolg der Natur entsprach. 
Und welche Bilder das thun, können wir in diesem Falle ganz genau 
sagen. Dabei weiss ich wohl, dass man, um eine volle Wirkung 
zu erzielen, auch einmal von der genauen Perspektive abgehen 
darf oder muss. Aber darum handelt es sich in den Perioden, 
die der Blütezeit vorangehen, nicht, sondern vielmehr um einfaches 
Nichtwissen und Nichtkönnen. Es wäre sehr verkehrt zu glauben, 
Giotto habe absichtlich auf eine richtige Perspektive verzichtet, 
weil er sich gesagt hätte, darauf komme es in der Malerei nicht 
an, eine realistische Durchführung in dieser Beziehung könne die 
ideale oder dekorative Wirkung nur schädigen. Man muss von der 
ganzen späteren Entwickelung nichts wissen, keine Ahnung davon 
haben, wie die Meister der Renaissance nach der Beherrschung 
des Raumproblems gerungen haben, wenn man dem grossen Bahn¬ 
brecher einen solchen Unsinn Zutrauen will. 
Und Hand in Hand mit der Ausbildung der perspektivischen 
Illusion geht die des Helldunkels, die denselben Zweck hat, die Fläche 
zu überwinden, die Vorstellung der räumlichen Vertiefung zu er¬ 
zeugen. Man halte eine burgundische Miniatur des 14. Jahrhunderts 
neben das Doppelporträt des Ehepaares Arnolfini von van Eyck, 
dieses wiederum neben Rembrandts Nachtwache oder ein Interieur 
von Pieter de Hooch oder Jan Vermeer von Delft, und man wird sich 
sofort überzeugen, dass die Entwickelung der Malerei nicht vom 
stillosen Naturalismus zur dekorativen flächenhaften Auffassung, 
sondern umgekehrt von der Fläche zum Raume, von der Deko¬ 
ration zur Illusion geht. Und auch hier können wir aus den 
schriftlichen Quellen ganz genau nachweisen, dass den Zeitgenossen 
der einzelnen Meister die Stufe, die sie in der Beherrschung des
        

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