Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/303/
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Natürlich ist es schwer, genau den Punkt zu bezeichnen, wo diese 
Übertreibung anfängt. Ein abschliessendes Urteil darüber wird erst 
die Zukunft fällen können. Aber dass eine Übertreibung hier ebenso 
wie in den anderen Fällen eingetreten ist, kann nicht bezweifelt 
werden. Und ebensowenig kann bezweifelt werden, dass auch diese 
Übertreibung sich nur aus dem Illusionsprinzip erklären lässt, näm¬ 
lich aus der manieristischen Forzierung der früher beschriebenen 
Vereinfachungen, die um der optischen Wirkung willen vorgenom¬ 
men werden müssen. Wenn unsere modernen Maler diese Ver¬ 
einfachung dem Naturalismus entgegensetzen, so ist das nur unter 
der Voraussetzung richtig, dass sie unter Naturalismus die peinliche 
Wiedergabe der Natur im Sinne van Eycks und Dürers verstehen. 
In gewisser Weise liesse sich dies auch wohl rechtfertigen. Denn 
diese Genauigkeit der Ausführung beruht ja auf dem Irrtum, dass 
die Malerei die Natur überhaupt genau, gewissermassen mit objek¬ 
tiver Exaktheit wiedergeben könne, und gerade dieser Irrtum 
bildet einen Teil der naturalistischen Theorie. Aber man muss 
dabei immer festhalten, dass auch diese ältere peinlich detaillierende 
Kunst die Natur thatsächlich gar nicht genau wiedergiebt, sondern 
abkürzt, nur in anderer weniger wirksamer Weise. 
Deshalb hat man aber noch kein Recht, die abkürzende 
spätere Weise als spezifisch dekorativ zu bezeichnen, ebensowenig 
wie man ein Recht hat, Dürern bei seiner detaillierenden Behand¬ 
lung dekorative Absichten unterzulegen. Die Absicht geht vielmehr 
beide Male auf Illusion. Nur sahen die Meister des 17. Jahr¬ 
hunderts ein, dass ihre Vorgänger auf dem falschen Wege gewesen 
waren, dass nicht die genaue Ausführung, sondern eine gewisse 
Abkürzung die Garantie für eine starke Illusion bietet. Sie em¬ 
pfanden offenbar die illusionsstörenden Momente der Malerei, die 
Flächenhaftigkeit, das Kleben der Umrisse am Grunde, die „harte, 
scharfe“ Manier so störend, dass es ihnen ein Bedürfnis war, durch 
ihre Zurückdrängung die Illusion zu steigern. Und das thaten sie 
durch eine Verringerung der Genauigkeit der Ausführung, die 
scheinbar ein Rückschritt, in Wirklichkeit aber ein Fortschritt im 
optischen Sinne war. 
Dieser Wandel scheint in der Geschichte der Malerei von 
typischer Bedeutung zu sein. Auch von den älteren griechischen 
Malern wird erzählt, dass sie ihre Bilder sehr sorgfältig ausgeführt 
hätten. Erst in der alexandrinischen Zeit scheint sich die Über¬ 
zeugung von der Notwendigkeit einer freien malerischen Technik
        

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