Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/302/
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erreicht gewesen. Denn die Natur war hier zwar abgekürzt, aber 
doch in ihren einzelnen Elementen möglichst genau reproduziert, 
so wie es eben nach der Seite der Genauigkeit überhaupt mög¬ 
lich war. 
Dass die Absicht Dürers auf grösste Genauigkeit ging, sagt 
er selbst: „Und dass darnach ein jedlichs Glied sunderlich wohl¬ 
beträchtlich geschickt gemacht wurdet in den allerkleinsten Dingen 
als in den grössten . . . Und also fleissig soll die Stirn, Backen, 
Nasen, Augen, Mund und Kinn mit ihrem Ein- und Ausbiegen 
und sunderlichen Gestalten gezogen werden, auf dass das aller- 
mindst Dinglein nit hingelassen (zugelassen) werde, das da nit 
sunderlich fleissig wohlbetracht gemacht würde . . . Und diese 
Ding sollen auch im Werk (in dem Gemälde selbst, im Gegensatz 
zu den Studienzeichnungen, von denen vorher die Rede war) auf 
das Allerreinest und Fleissigst ausgemacht (vollendet) werden, und 
die allerkleinsten Runzelein und Ertlein (Eckchen) nit ausgelassen, 
so viel das möglich ist. Denn es gilt nit, dass man obenhin lauf 
und überrumpel ein Ding.“ 
Es scheint, dass diese peinliche Nachahmung der Natur allen 
naturalistischen Kunstrichtungen zu Anfang eigen ist und dass sie 
erst allmählich einer freieren malerischen Behandlung Platz macht. 
Wenn man also irgend eine Entwickelungsphase als naturalistisch 
— im tadelnden Sinne — bezeichnen will, so kann man damit 
nur die Stufe van Eycks und Dürers meinen. Natürlich erklärt 
sich der Übergang von dieser zu der freieren breiteren Malweise 
nur aus der optischen Verfeinerung des menschlichen Sehorgans in 
der späteren Zeit. Die späteren Maler sahen die Natur nicht wie 
die früheren mit dem Verstände an, indem sie objektiv konstatierten, 
was in ihr vorhanden war, wie viel Blätter ein Baum, wie viel 
Haare ein Bart hatte, sondern indem sie sich klar machten, wie 
die Natur optisch wirkte und nun diese optische Wirkung in der 
Malerei zu reproduzieren suchten. Dass dies der höhere malerisch 
vollkommenere Standpunkt ist, leuchtet unmittelbar ein. 
Auch in dieser Beziehung ist nun eine Übertreibung möglich. 
Es giebt einen Grad der Vereinfachung, der den optischen Eindruck 
der Natur schon nicht mehr hervorbringt, weil bei ihm die Formen 
so allgemein und roh dargestellt werden, dass sie einen nicht 
geradezu kurzsichtigen Beschauer überhaupt nicht in Illusion ver¬ 
setzen können. Es wären eine Menge Beispiele dafür aus der mo¬ 
dernen dekorativ-primitivistischen Richtung der Malerei anzuführen.
        

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