Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/301/
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malerischer Freiheit. In den älteren Bildern haben die Figuren 
scharfe genaue Umrisse, glatte, fast emailartige Farbenflächen, feine 
mit dem spitzen Pinsel gezeichnete Haare und Blätter. Die 
Wirkung ist denn auch eine ängstliche, harte, flächenhafte. Es 
entsteht nicht die volle Raumillusion, nicht die Vorstellung einer 
freien lebendigen Bewegung, eines von Licht und Luft erfüllten 
Raumes, der die Gestalten umgiebt. 
Diese Illusion haben nach langem stufenweisem Fortschritt 
verschiedener Generationen erst die Meister des 17. Jahrhunderts 
erreicht. Sie haben diejenige Breite der Behandlung, diejenige 
Auflösung der Konturen, diejenige Unterdrückung des Details aus- 
gebildet, die in der Malerei notwendig ist, wenn die Illusion des 
Raumes, des Lichts, der Luft und der Bewegung entstehen soll. 
Dies ist ein absoluter Höhepunkt. Wenn man die Haarbehandlung 
des Velazquez mit der Dürers vergleicht, so handelt es sich bei jener 
durchaus nicht nur um eine verschiedene, sondern gleichzeitig um 
eine bessere Lösung. Velazquez weiss thatsächlich mit seiner 
weichen breiten Behandlung der Lichter und Reflexe die Illusion 
des seidenartigen glänzenden Haares viel besser zu erzeugen als 
Dürer, der sich doch die grösste Mühe mit der Wiedergabe jedes 
Härchens giebt. Natürlich schliessen wir daraus nicht mit der 
fanatischen Einseitigkeit eines Ruskin, dass Dürer ein schlechter 
Maler gewesen sei, sondern dass die malerische Anschauung in 
seiner Zeit noch nicht entwickelt genug gewesen sei, um die that- 
sächliche optische Wirkung der Natur hervorzubringen. Ferner 
geht daraus nicht hervor, dass Dürer gar keine illusionistische, son¬ 
dern eine dekorative Absicht gehabt habe. Seine Absicht ging viel¬ 
mehr auf dasselbe Ziel wie die des Velazquez, nämlich auf Illusion. 
Er konnte diese Illusion nur noch nicht in demselben Grade er¬ 
reichen, weil damals die raffinierten Abweichungen von der Natur 
noch nicht ausgebildet waren, durch die die Malerei später die 
optische Wirkung der Natur künstlich hervorzubringen lernte. 
Auch hier geht also die Entwickelung bis zur höchsten Blüte 
auf Steigerung der Illusion. Sie ist durchaus kein willkür¬ 
licher Zickzackkurs, sondern eine stetig aufsteigende Linie, die 
mit logischer Konsequenz zu dem erstrebten Ziele hinführt. Diese 
Entwickelung ist notwendig, weil das Illusionsprinzip gar nicht die 
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objektive Übereinstimmung mit der Natur, sondern die Reproduk¬ 
tion ihres optischen Eindrucks fordert. Würde es die objektive 
Übereinstimmung fordern, so wäre in der Stufe Dürers das Ziel
        

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