Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/300/
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Wirkung, obwohl seine Urheber wie Phidias die Thatsache der 
Raumvertiefung sehr wohl kannten. Sie standen eben unter dem 
Einfluss einer strengeren Reliefanschauung, in die das räumliche 
perspektivische Problem überhaupt nicht aufgenommen war. Sie 
dachten gar nicht daran, dass man sich auch in dieser Technik 
die Aufgabe der Raumillusion stellen könne, folglich versuchten sie 
auch gar nicht sie zu lösen. Erst die späteren Künstler bemühten 
sich die Darstellungsmittel ihrer Kunst zu erweitern, der Natur 
auch von dieser Seite beizukommen. 
Und dasselbe kann man bei allen Aufgaben der Bildhauerei 
nachweisen, bei der Behandlung der Haare, der Gewänder, der 
Muskeln u. s. w., bei der Gruppenkomposition, bei sitzenden, 
liegenden oder sonstwie bewegten oder nicht bewegten Figuren. 
Überall zeigt sich eine Entwickelung von der schematischen Typi¬ 
sierung und dekorativen Beschränkung zu freier lebendiger Natur¬ 
auffassung, d. h. zu Steigerung der Illusion. 
In der Malerei wollen wir der vergleichenden Betrachtung 
zwei Probleme zu Grunde legen, nämlich das der Vereinfachung 
und das der Raumillusion. Dass die Malerei in Bezug auf die 
Vereinfachung der Formen überhaupt eine Entwickelung durch¬ 
gemacht hat, erklärt sich nur daraus, dass sie die Natur nicht 
genau so darstellen kann wie sie ist. Wenn der Maler überhaupt 
alle Blätter eines Baumes oder alle Haare eines Bartes darstellen 
könnte, so hätte die Malerei dies von einem bestimmten Zeitpunkte 
an jedenfalls gethan, und es liesse sich nicht absehen, wie darauf 
noch eine Entwickelung hätte folgen können. Da sie aber, um 
auf der Fläche überhaupt eine Wirkung hervorzubringen, abkürzen 
muss, und die verschiedenen Maler dieses Problem in ganz ver¬ 
schiedener Weise gelöst haben, so war die Möglichkeit einer Ent¬ 
wickelung gegeben, indem die eine Art der Abkürzung durch die 
andere abgelöst werden konnte. 
Dies geschah aber keineswegs willkürlich, mit der blossen Ab¬ 
sicht einer Anderslösung, sondern in ganz konsequenterWeise, mit 
der bewussten Absicht einer Besserlösung. Verfolgt man die Art, wie 
diese Aufgabe im Laufe der Zeit gelöst worden ist, von irgend einer 
früheren Kunststufe, z. B. der altniederländischen und deutschen 
Malerei des 15. Jahrhunderts, zu irgend einer späteren, z. B. der 
holländischen und spanischen Malerei des 17. Jahrhunderts, so 
kann man da wiederum einen stufenweisen Fortschritt nachweisen, 
nämlich den von peinlicher Sorgfalt der Ausführung zu grösserer
        

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