Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/296/
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führen. Vergleicht man zwei Statuen, die am Anfang und am 
Ende dieser Entwickelungsreihe stehen, z. B. den Apoll von Tenea 
und den Doryphoros des Polyklet miteinander, so leuchtet der un¬ 
geheure Fortschritt, den die Kunst im Verlaufe von kaum andert¬ 
halb Jahrhunderten gemacht hat, sofort ein. Die Lösung des 
Problems, die Polyklet giebt, ist nicht nur eine „Anderslösung“, 
sondern gleichzeitig eine Besserlösung. Die Stellung des Apoll 
von Tenea ist, wenn auch nicht gerade falsch, so doch steif 
und unbehilflich, die des Doryphoros leicht und elegant, doch 
ohne Übertreibung, genau so wie ein gut ausgebildeter ruhig 
stehender Körper sie ausführt. 
Der Fortschritt von der früheren Stufe zur späteren bedeutet 
also eine allmähliche Annäherung an die Natur. Die späteren 
Statuen stehen thatsächlich der Natur näher als die früheren, 
erzeugen infolgedessen auch eine stärkere Illusion, eine deutlichere 
Vorstellung des ruhigen Stehens. 
Wenn man also ganz allgemein die Blüte der griechischen 
Plastik um die Mitte des 5. Jahrhunderts beginnen lässt, so findet 
das schon durch die Untersuchung dieses einen Motivs seine volle 
Bestätigung. Die Stufe, die Phidias und Polyklet erreichten, war 
schon in dieser Beziehung eine höhere als die ihrer Vorgänger, 
weil sie der Natur objektiv näher gekommen waren als diese. 
Natürlich konnten sie das nur auf Grund einer genaueren Natur¬ 
beobachtung. Sie sahen thatsächlich in der Natur mehr als ihre 
Vorgänger, sie sahen nicht nur das Allerallgemeinste, Aller¬ 
typischste, das was jedermann sofort in die Augen fällt, d. h. 
das Stehen auf zwei Beinen, sondern sie sahen das, was man nur 
bei genauerer Beobachtung sehen kann, nämlich die verschiedene 
Belastung der beiden Beine. 
Hier können wir also von einer wirklichen organischen Ent¬ 
wickelung reden. Es handelt sich durchaus nicht um ein unsicheres 
Umhertappen, um ein planloses Versuchen einmal in dieser, ein¬ 
mal in jener Richtung, sondern um ein systematisches stufen¬ 
weises Vorwärtsschreiten in einer aufwärtssteigenden Linie. Und 
die Richtung dieser Linie ist durch das Streben nach Illusion 
bestimmt. Die Absicht ging in allen Phasen dieser Entwickelung 
auf Illusion. Alle diese Bildhauer, vom ältesten bis herab zum 
jüngsten, wollten die Illusion eines ruhig stehenden menschlichen 
Körpers erzeugen. Nur erreichten sie ihren Zweck nicht alle in 
gleicher Weise. Und zwar erreichten die jüngeren ihn besser als
        

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