Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/295/
292 
belastet ist. Das belastete Bein wird als Standbein, das nicht be¬ 
lastete als Spielbein bezeichnet. Der Fuss des letzteren ist meistens, 
auf der Spitze oder dem Ballen ruhend, schräg zur Seite, auch 
wohl etwas zurückgesetzt. Damit nun der Schwerpunkt des 
Körpers sich wirklich senkrecht über dem stützenden Fuss befinde, 
biegt sich die Hüfte des Standbeins heraus, wobei die Schulter 
derselben Seite sich ganz von selbst etwas senkt. Dadurch ent¬ 
steht die besonders aus antiken Figuren bekannte Einbiegung des 
Körpers nach der Standseite, woraus sich die geschwungene 
S-Linie ergiebt, bei der die beiden Körperseiten in einem Gegen¬ 
satz zu einander stehen. 
Diesen Gegensatz der Körperseiten richtig wiederzugeben und 
die Masse des Körpers so zu ponderieren, dass wirklich die Illusion 
des ruhigen und bequemen Stehens erzeugt wird, ist die Haupt¬ 
schwierigkeit bei der Komposition nackter stehender Figuren. Die 
Plastik hat diese Schwierigkeit erst ganz allmählich überwunden. 
Wenn ein Kind eine menschliche Figur zeichnet, so lässt es sie 
auf beiden Beinen gleichmässig stehen. Natürlich, denn es sieht 
eben nur die Zweibeinigkeit, und es weiss, dass der Mensch beide 
Beine gleichmässig zum Stehen braucht, was ja zuweilen auch der 
Fall ist. Jedenfalls wird eine flüchtige Beobachtung der mensch¬ 
lichen Bewegung immer die Vorstellung hinterlassen, dass die 
beiden Beine den Körper in derselben Weise tragen. 
So finden wir denn auch am Beginn der plastischen Ent¬ 
wickelung immer die auf beiden Beinen gleichmässig stehende 
Figur. Die Ägypter haben niemals einen richtig ponderierten Körper 
dargestellt. Ihre stehenden Statuen zeigen entweder enggeschlossene 
Beine oder setzen das eine Bein vor, wobei das Gewicht des 
Körpers gleichmässig verteilt ist. Ebenso ist es bei den ältesten 
griechischen Statuen, den sogenannten Apollo - Statuen nach der 
Art des Apoll von Tenea. Erst gegen die Mitte des 5. Jahr¬ 
hunderts lernen die hellenischen Bildhauer die Darstellung des 
uno crure insistere, und diese Erfindung wird antiker Sitte gemäss 
auf einen Künstler, den älteren Polyklet, zurückgeführt. Es lässt 
sich genau nachweisen, dass man erst ganz allmählich zur Erkennt¬ 
nis der% richtigen Bewegung gekommen ist. Man könnte mit den 
archaischen Statuen nackter Götter und Menschen, die vom Anfang 
des 6. bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts entstanden sind, eine 
zusammenhängende Reihe von Lösungen dieses Problems auf¬ 
stellen, die den allmählichen Fortschritt stufenweise vor Augen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.