Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/29/
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vater spielt, schämt sich morgen nicht, Haushund oder Schaf zu 
sein. Kinder sind in Bezug auf den Inhalt ihrer Illusionen durchaus 
nicht wählerisch, eben so wie ja auch der wahre Dichter den schein¬ 
bar unsympathischsten Inhalt zu bezwingen weiss. Es ist klar, dass 
diese Spiele ebenso wie das Drama dem Bedürfnis entstammen, 
mehr zu erleben als dem Individuum zu erleben vergönnt ist. 
Daraus erklärt sich auch, dass der Erwachsene, abgesehen von der 
Maskerade, die dramatischen Spiele nicht kennt. Sein Bedürfnis 
nach dramatischer Illusion wird eben durch die Schauspielkunst 
und die dramatische Poesie befriedigt. 
• • 
Dass der Übergang auch hier flüssig ist, zeigen die Kasperle- 
und Marionettentheater, die sich schon der wirklichen Kunst nähern. 
Für das Kind bedeuten sie dasselbe wie für den Erwachsenen das 
richtige Theater. Im Jugendleben der meisten bedeutenden Dichter 
spielen sie eine grosse Rolle. Auch hier ist die Illusion eine sehr 
starke, und man kann bei kleinen Kindern leicht die Beobachtung 
machen, dass sie sich bei ihrem Anblick einer wirklichen Täuschung 
hingeben, sich z. B. vor dem Teufel fürchten. Aber bei zunehmen¬ 
dem Alter schwindet die Furcht und der ästhetische Genuss tritt 
an ihre Stelle. 
Mit den dramatischen Spielen sind die plastischen eng ver¬ 
bunden. Sie entstehen aus dem Bedürfnis des Kindes, ein greif¬ 
bares Substrat des Illusionsspiels zu haben. Ein solches schafft es 
sich schon durch Benutzung der Möbel der Kinderstube. Ein Stuhl 
dient ihm als Droschke, eine Reihe Stühle als Eisenbahn, eine 
Bank als Omnibus, eine Wiege als Schiff. Selbst lebende Wesen 
werden durch tote Gegenstände der Umgebung symbolisch dar¬ 
gestellt. Ein Sophakissen, ein Schirm, eine Fussbank genügt ihm um 
ein Baby darin zu erkennen. Man staunt manchmal über die Stärke 
der Illusionsfähigkeit, die sich dabei offenbart. Es giebt nichts was 
Kinder nicht in einem ganz unscheinbaren toten Dinge zu sehen 
im stände wären. Oft scheint es geradezu, als ob eine gewisse 
Unähnlichkeit zum Genuss dazu gehörte, weil dadurch ihre Illu¬ 
sionskraft am stärksten in Anspruch genommen wird. 
Dazu kommt dann das plastische Spielzeug, das der Erwachsene 
dem Kinde in die Hand giebt, die Puppe, der Hampelmann, der 
Bleisoldat, die Tiere aus Holz, Gummi, Papiermache u. s. w., die 
Häuser der Nürnberger Spielzeugschachteln, die Puppenstuben und 
Puppenküchen, die Pferdeställe und Kaufläden mit ihrem mannig¬ 
faltigen Inhalt. Alle diese Gegenstände sind Nachahmungen der
        

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