Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/269/
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Auch in Bezug auf den malerischen Stil der Reliefplastik, den 
zuerst Ghiberti in bewussterWeise ausgebildet hat, ist die moderne 
Kritik im allgemeinen sehr nachsichtig. Und man darf ja wohl 
sagen, dass Relief und Malerei sich nahe genug stehen, um ein 
Übergreifen jeder der beiden Künste in den Stil der anderen bis 
zu einem gewissen Grade zu rechtfertigen. Auch das Relief kann 
die Vorstellung der Raum Vertiefung durch ganz bestimmte Mittel 
erzeugen, darf sie also auch anstreben. Dennoch wird man nicht 
leugnen können, dass die Malerei mit ihrer überall gleichmässig 
beleuchteten Fläche und ihrer verhältnismässigen Unabhängigkeit von 
den Zufällen der Beleuchtung viel besser im stände ist, die Illusion 
des Raumes, des perspektivischen Zurückgehens der Gegenstände zu 
erzeugen als das Relief, bei dem der erste beste Schlagschatten, den 
eine rund herausgearbeitete Figur auf den architektonischen oder 
landschaftlichen Hintergrund wirft, die Raumillusion mit einem 
Schlage zerstören kann. Mit dem Material der Bronze und unter 
freiem Himmel, wie es bei Ghibertis Reliefs der Fall ist, lässt man 
sich diesen Stil noch gefallen, im geschlossenen Raume und im 
Marmor, wo die Gegensätze von Licht und Schatten viel stärker 
sind, wird er stets etwas Unbefriedigendes haben. Und das ist es 
auch, was die Plastik immer wieder zu einem strengeren Reliefstil 
zurückgedrängt hat, nicht der neuerdings betonte Zwang, dass die 
am meisten vortretenden Punkte eines solchen Reliefs womöglich 
in einer senkrechten Ebene liegen sollten, von der aus das Auge zur 
Erzeugung der Raumvorstellung nach hinten gezogen wird. Denn 
das lässt sich ja mit dem malerischen Reliefstil auch vereinigen, 
hängt überhaupt weniger mit künstlerischen Gesichtspunkten als mit 
solchen der Sparsamkeit, der besten Ausnutzung des Materials u. s.w. 
zusammen. Ein Künstler, dessen Absehen in erster Linie auf Er¬ 
zeugung einer räumlichen Illusion geht, wird eben nicht das Relief, 
sondern die Malerei als Darstellungsmittel wählen, während umge¬ 
kehrt ein solcher, der durch die ausdrucksvolle Silhouette der Figuren, 
durch klare und anschauliche Bewegungsmotive sowie durch die plas¬ 
tische Form zu wirken weiss, naturgemäss zum Relief greifen wird. 
Hiermit hängt eine andere Frage zusammen, nämlich die des 
dekorativen Stils in der Plastik und Malerei. Seit einiger 
Zeit wird es von Kunsthistorikern und Kunstkritikern als voll¬ 
kommen erwiesen angesehen, dass jede bildende Kunst in erster 
Linie dekorativ sei, dass die selbständige Malerei und Plastik gar 
keine Existenzberechtigung habe, sondern dass alle Künste dahin
        

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