Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/267/
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Poesie widmen u. s. w. Man sieht die Notwendigkeit nicht ein, 
warum ein geborener Künstler, um sich auszusprechen, gerade 
diejenige Kunst wählen sollte, die nicht geeignet ist, die Illusion, 
die ihm am Herzen liegt, in besonders hohem Grade zu erzeugen. 
Der Geniessende wird dabei immer das Gefühl haben, dass er seinen 
Beruf verfehlt hat. Wenn man etwas Bestimmtes, was man denkt, 
fühlt oder im Geiste schaut, am besten und wirksamsten in einer 
bestimmten Form ausdrücken kann, so soll man nicht eine andere 
wählen, die dazu weniger geeignet ist. Wenigstens soll man aus 
dieser Wahl kein Prinzip machen. 
Es ist ja begreiflich, dass in einer Zeit, in der die Musik eine 
so dominierende Rolle im Kulturleben spielt wie heutzutage, ihr 
Einfluss auch in der Malerei bis zu einem gewissen Grade zu 
Tage treten muss, zumal da einer unserer bedeutendsten Maler, 
Böcklin, eine ausgesprochen musikalische Ader hat. Wenn man 
dies nun aber zum Prinzip erhebt und sagt, die Anschauungs¬ 
illusion, die Künstler wie Menzel, Leibi u. s. w. erzeugen, stelle 
eine niedere Stufe der Kunst dar, die höhere Stufe sei die der 
musikalisch-lyrischen Wirkung, so ist das offenbar eine Einseitig¬ 
keit. Die Malerei, die doch für das Auge arbeitet, ist in erster 
Linie eine Anschauungskunst. Sie soll natürlich auch Stimmungen 
erzeugen, da ja die Natur, die sie darstellt, ebenfalls Stimmungen er¬ 
zeugt. Aber sie strebt doch in erster Linie nach Anschauungsillusion. 
Und ein einseitiges Streben nach Stimmung, z. B. unter Verzicht 
auf die Glaubwürdigkeit der Formen und die Deutlichkeit der 
Raumwirkung, ist bei ihr unter allen Umständen vom Übel. 
Das Genie kann sich wohl einmal über diese Dinge hinweg¬ 
setzen, weil es auf der anderen Seite durch intensive Wirkung im 
Sinne der Stimmung einen reichlichen Ersatz dafür bietet, aber 
die Ästhetik kann daraus kein Gesetz machen. 
So verhält es sich auch mit der neuerdings aufgestellten Forde¬ 
rung, dass die graphische Kunst im Gegensatz zur Malerei auf den 
poetischen oder philosophischen oder satirisch-didaktischen Inhalt 
besonderen Wert legen müsse (vergl. S. 94). Wir können darin 
nur einen Übergriff in das Gebiet der Poesie oder gar anderer 
ausserkünstlerischer Disziplinen des geistigen Schaffens erkennen. 
Die Illusionsästhetik steht ein- für allemal auf dem Standpunkt, 
dass die Kunst, insbesondere die bildende Kunst, nicht durch den 
Inhalt, sondern durch die Illusion zu wirken hat. Malerische 
Kompositionen, die so gedankenreich sind oder einen so unklaren
        

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