Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/257/
andere Proportionen und Formen als ein hölzerner Zaun, ein 
solcher wieder andere als ein eisernes Gitter. Ein Steinpfeiler, 
eine Holzsäule und eine eiserne Stütze sind ganz verschieden pro¬ 
portioniert und bringen die von ihnen beabsichtigte Kraftillusion 
in ganz verschiedener Weise zum Ausdruck. 
Ob man ein Ornament in Holz einlegt, in Stein aushaut oder 
in Metall treibt, ist für seine Formenbehandlung, d. h. also für 
sein Verhältnis zur Natur nicht gleichgültig. Die Intarsiatechnik 
muss andere Dinge aus der Natur auswählen und sie anders stili¬ 
sieren als die Porzellanmalerei, die Holzschnitzerei andere als die 
Ledertreibarbeit. 
Das sind ja alles bekannte Dinge. Es ist aber notwendig sie hier 
hervorzuheben, weil diese Rücksicht auf das Material eben auch 
Naturveränderung ist und einen grossen Teil dessen ausmacht, was 
wir Stil nennen. Die eigentliche Absicht des Künstlers geht dabei 
allerdings nicht auf die Hervorkehrung der Eigentümlichkeiten des 
Materials, sondern auf die Illusion. Aber er muss diese Eigen¬ 
tümlichkeiten anerkennen, weil nur dann sein Werk sich deutlich 
von der Natur abhebt, sich unumwunden als eine Nachahmung, 
ein Surrogat des Lebens giebt. Ich glaube, dass die meisten be¬ 
deutenden Künstler die Bedingungen des Materials nicht in be¬ 
wusster Weise berücksichtigen, sondern dass sich das ganz von selbst 
ergiebt, sobald sie gelernt haben, von vornherein nie anders als im 
Material zu denken und zu fühlen. Ein Künstler kann eben nur 
dann stilvoll schaffen, wenn ihm die Rücksicht auf das Material so 
in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass er bei jeder Kraft- 
und Bewegungsillusion, die er erzeugen will, unwillkürlich an ein 
bestimmtes Material denkt. 
In der Poesie unterscheiden wir wie schon angedeutet den 
dramatischen, epischen und lyrischen Stil. Der Charakter eines 
Menschen kann episch sehr gut darstellbar, dramatisch aber völlig 
unwirksam sein (Kollege Crampton). Ereignisse, die sich über 
längere Zeit erstrecken, können sich wegen ihrer psychologisch 
interessanten Entwickelung für den Roman sehr gut, für das 
Drama aber gar nicht eignen (Wahlverwandtschaften). Der Dra¬ 
matiker wird auch die Wirklichkeit ganz anders verändern als der 
Epiker. Gewisse Gefühle sind mehr zu lyrischer als zu dramatischer 
oder epischer Darstellung geeignet. Auch hier kann man also von 
einem Einfluss des Materials und der Technik auf die Kunstform 
sprechen, wobei man unter Material und Technik die äusseren
        

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