Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/25/
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seinen kräftigen Schenkeln, seinem Geist, seinem Mut. Das Weib 
ist eitel auf seine vollen Formen, seinen leichten schwebenden 
Gang, seine Sanftmut und Hilfsbedürftigkeit. Es ist bekannt, wie 
sich Tracht und Mode in den Dienst der körperlichen Eitelkeit 
stellen. Die Mode hat immer den Zweck, die sekundären sexuellen 
Merkmale, die in der betreffenden Zeit als besonders wichtig und 
schön empfunden werden, zu steigern, dem Beschauer etwas vor¬ 
zutäuschen, was nicht da ist. Die Brust muss beim Weibe voller, 
die Taille schmaler, der Fuss kleiner erscheinen als sie wirklich sind. 
Die Mode verhüllt einerseits das, was die Scham zu verhüllen ge¬ 
bietet, hebt es aber andererseits durch Steigerung der Formen um 
so deutlicher hervor. Der Schurz der Primitiven, der mehr zeigt 
als verhüllt, der Frack mit seinem unanständigen Ausschnitt, die 
Dekollettierung der Frauen, all die bekannten künstlichen Nach¬ 
hilfen aus Watte u. s. w. gehören in dieses Kapitel. 
Man hat darauf hingewiesen, dass das Liebesspiel, wenn es 
auch theoretisch ganz gut von der ernsthaften Bewerbung zu unter¬ 
scheiden ist, doch praktisch aufs engste mit dieser Zusammen¬ 
hänge, ja häufig geradezu in sie übergehe. Danach wäre das 
Liebesspiel eine Art Vorbereitung des Liebesgenusses, eine Ein¬ 
übung der Illusion, die ja für diesen so wichtig ist. Und damit 
erhielte es eine grosse Wichtigkeit für die Erhaltung der Gattung. 
Wir wollen diese Deutung nicht anfechten. Denn die Er¬ 
fahrung lehrt, dass man mit dem Feuer nicht spielen soll und 
dass die Grenze zwischen Liebesspiel und wirklicher Verliebtheit 
nicht scharf zu ziehen ist. Wie oft geht ein Verhältnis, das mit 
blossem Kokettieren beginnt, in ernsthafte Bewerbung über! Und 
wie viele unglückliche Lieben entstehen daraus, dass der eine Teil 
für Ernst hält, was der andere nur als Spiel betreibt ! Es ist sogar 
sehr wahrscheinlich, dass dieses Spiel wie alle anderen indirekt 
einen biologischen Wert, einen Nutzen für die Gattung hat, und 
worauf anders könnte der beruhen als auf der Steigerung der Fort¬ 
pflanzungsfähigkeit ? Wenn man bedenkt, dass die meisten Liebes¬ 
verhältnisse sich allmählich entwickeln, dass besonders der natür¬ 
liche Widerstand des Weibes langsam überwunden werden muss, 
so versteht man wohl, dass ein Liebesspiel als Vorbereitung der 
Liebe nötig ist. Und die Sprödigkeit des Weibes könnte ganz 
gut den Zweck haben, den Mann zu reizen und dadurch den bio¬ 
logischen Zweck der Liebe zu fördern. 
Jedenfalls ist aber dieser Zweck dem Spielenden nicht bewusst,
        

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