Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/243/
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In der That wird ein Gegenstand, der mit leichten schwebenden 
hie und da abgesetzten Umrissen gezeichnet ist, weniger an der 
Fläche kleben als einer, der feste, zusammenhängende, gewisser- 
massen an die Fläche gebundene Umrisse zeigt. Und dadurch 
wird ohne Zweifel die Illusion der Bewegung gesteigert werden. 
Aber diese Erklärung würde für unbewegte Gegenstände, z. B. 
Berge, Architekturen u. s. w. nicht passen. 
Ich glaube deshalb, dass man nach einer anderen Erklärung 
suchen muss, und diese finde ich in der Zweiäugigkeit unseres 
Sehens. Es handelt sich dabei um zwei verschiedene Thatsachen. 
Erstens die, dass wir in der Natur alle Gegenstände, die wir nicht 
fixieren, doppelt oder wenigstens verschwommen sehen, zweitens 
die, dass wir infolge der Zweiäugigkeit unseres Sehens durch das 
Doppelbild der uns nahe befindlichen Gegenstände, welche wir 
nicht fixieren, hindurchsehen. 
Bekanntlich erhalten wir durch die Zweiäugigkeit unseres 
Sehens von jedem Gegenstände, den wir wahrnehmen, zwei Bilder, 
auf jeder Netzhaut eines. Diese beiden Bilder schmelzen wir zwar 
da wo wir einen Gegenstand scharf fixieren zu einem zusammen. 
Aber fixieren können wir streng genommen immer nur einen Punkt 
im Raume. Schon eine gerade Linie sehen wir, während wir einen 
ihrer Punkte fixieren, auf ihrer grösserer Länge doppelt. Dieses 
Doppeltsehen nimmt zu erstens wenn die Gegenstände sich weiter 
von unserem Blickpunkt entfernen und der Peripherie unseres Seh¬ 
feldes nähern, zweitens wenn sie sich im Raume weiter entfernt 
befinden, wobei dann, während wir einen vorderen Gegenstand 
fixieren, die hinteren mehr oder weniger verschwommen erscheinen. 
Das ganze oder teilweise Hindurchsehen durch die Doppelbilder 
der Gegenstände ergiebt sich daraus, dass wir mit dem rechten 
Auge etwas rechts, mit dem linken etwas links um sie herumsehen. 
Wenn man sich einen Finger nahe vor die Augen hält, so wird, falls 
man die dahinter befindlichen Gegenstände sehen will, keiner davon 
durch ihn verdeckt. Ist der Gegenstand grösser, so deckt er 
allerdings einen Teil des Raumes, aber auch dann kann man schon 
bei einer leichten Bewegung des Kopfes die dahinter befindlichen 
Gegenstände wahrnehmen. 
Ohne Zweifel beruht auf dieser Zweiäugigkeit des Sehens und 
dieser Möglichkeit fortwährender Bewegung in erster Linie unser 
Raumgefühl, unsere Tiefenvorstellung. Da nun die Aufgabe der 
Malerei die Erzeugung dieser Tiefenvorstellung bei thatsächlicher
        

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