Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/24/
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sexuellen Trieb zurückführen möchten. Natürlich ist das falsch. Die 
Kunst umfasst vielmehr alle Gefühle, die im menschlichen Leben 
eine Rolle spielen. Und zu diesen gehört auch die Liebe. Über 
ihre Wichtigkeit für den Menschen ist es müssig etwas zu sagen. 
Dieselbe Bedeutung, die sie im menschlichen Leben hat, kommt 
ihr auch in der Kunst zu, und dieselbe Wichtigkeit, die sie in 
der Kunst hat, hat sie auch im Spiel. 
Sexuelle Züge mischen sich schon in die Kampf- und Ge¬ 
schicklichkeitsspiele ein. Das ist gewiss entwickelungsgeschichtlich 
zu erklären. Der vornehmste Preis, um den der Urmensch kämpfte, 
war das Weib. Der Kampf um die Frau spielt in den Sagen aller 
Völker eine Rolle. Das Weib ist die Zuschauerin und Preis¬ 
richterin in den Kampfspielen der Männer. Die Lust am Kampf¬ 
spiel ist am grössten, wenn man sich von schönen Augen 
beobachtet weiss. Zwischen Kampf und Liebe besteht eine ge¬ 
heimnisvolle biologische Verbindung, die wie ich glaube nur so 
erklärt werden kann. Die meisten Zweikämpfe werden um Frauen 
ausgefochten. In der Zeit des Eintritts der Pubertät ist der Kampf¬ 
instinkt am stärksten. 
Eigentliche Liebesspiele kommen nur bei geschlechtsreifen Per¬ 
sonen vor. Denn nur bei ihnen ist der Geschlechtstrieb so stark, 
dass er, wenn er keine Gelegenheit zur wirklichen Bethätigung 
findet, sich im Spiel eine fingierte Gelegenheit schafft. Man muss 
die Liebesspiele streng von den ernsten Bewerbungserscheinungen 
unterscheiden. Jene bleiben immer bei der Illusion stehen, diese 
sollen stets zum Erfolge führen. Ein Mann, der im Ernst um ein 
Weib wirbt oder ein Weib, das einen Mann zu verführen sucht, 
spielt nicht. Ein Mann dagegen, der ohne böse Absichten der Frau 
eines anderen den Hof macht, oder eine Frau, die mit einem fremden 
Manne, der für sie nicht in Betracht kommt, kokettiert, spielt ein 
Liebesspiel. Der Reiz eines solchen besteht lediglich in der Illusion. 
Beide Teile stellen sich vor ineinander verliebt zu sein, sind es aber 
in Wirklichkeit nicht. Und jeder von ihnen regt dadurch dass er 
so thut, als ob er liebte, den anderen zu derselben Gefühlsfiktion an. 
Seine Formen entlehnt das Liebesspiel der Bewerbungsthätig- 
keit, wie sie sich seit Urzeiten entwickelt hat. Ihr wesentliches 
Kennzeichen ist das der Eitelkeit und Selbstdarstellung. Diese be¬ 
steht in einem deutlicheren Hervorheben der für das betreffende 
Geschlecht charakteristischen körperlichen und geistigen Vorzüge. 
Der Mann kokettiert mit seiner hohen Stirn, seinen breiten Schultern,
        

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