Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/230/
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nation verschiedener Erinnemngsvorstellungen sein, deren Vorbilder 
genau so wahrscheinlich niemals zusammen in der Natur vor¬ 
handen waren. Es kommt also nur darauf an, dass der Maler 
durch häufige intensive Beobachtung der See sich eine Menge Er¬ 
innerungsvorstellungen von der Bewegung der Wellen, der Färbung 
des Wassers u. s. w. gebildet, dass er sich vor allen Dingen den 
Stimmungsgehalt der See durch fortwährendes Leben mit ihr voll¬ 
ständig zu eigen gemacht hat, so dass er jederzeit die Formen und 
Farben reproduzieren kann, die geeignet sind, beim Beschauer 
dieselbe Stimmung zu erzeugen. Natürlich dürfen die Erinnerungs¬ 
vorstellungen beim Landschafter und Seemaler nicht gesondert und 
unzusammenhängend nebeneinanderliegen, sonst würde durch ihre 
Reproduktion niemals ein einheitliches und organisches Ganze ent¬ 
stehen. Sie müssen vielmehr schon im Bewusstsein genau so mit¬ 
einander verbunden sein, wie die ihnen zu Grunde liegenden Er¬ 
scheinungen in der Natur miteinander verbunden waren. Danach 
sind also nicht nur die Einzelmotive als solche Nachahmungen der 
Natur, sondern auch ihr Zusammenhang miteinander, das ganze 
stimmungsvolle Ensemble, das sie bilden. Der Künstler kopiert 
nur in diesem Falle nicht ein bestimmtes Naturvorbild, sondern 
er schafft der Natur in freierWeise nach, er schafft so wie die 
Natur schaffen würde, wenn sie mit Rücksicht auf die künstlerische 
Darstellbarkeit schüfe. 
Dass ein Historienbild, ein mythologisches, religiöses und 
allegorisches Gemälde keine Nachahmung der Natur ist, liegt von 
vornherein auf der Hand. Die Komposition von Situationen oder 
Ereignissen, die sich entweder nie begeben haben oder wenigstens 
vom Maler nicht mit angesehen worden sind, kann niemals eine 
Nachahmung der Natur sein. Wenn trotzdem die Griechen diese Art 
von Malerei unter den Begriff der Naturnachahmung fassten, so 
konnten sie das natürlich nur unter der Voraussetzung, dass dabei 
überhaupt Formen und Farben der Natur, des menschlichen Körpers 
u. s.w. benutzt werden, und dass man die Ereignisse mit ihnen so 
glaubwürdig und natürlich darzustellen sucht, als ob sie sich wirklich 
so begeben hätten oder begeben könnten. Diese Wirkung kann der 
Künstler wiederum nur dann erreichen, wenn er sich durch lange 
und intensive Beobachtung der Natur eine genaue Kenntnis der 
menschlichen Formen und Bewegungen, des Charakters und Ge¬ 
sichtsausdrucks angeeignet hat, so dass er schon bei der Komposition, 
d. h. schon ehe er das Einzelne nach dem Modell durcharbeitet, 
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