Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/198/
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leichteste und ausdrucksvollste Ansicht des Tieres ist, und erst 
ganz allmählich entsteht das Bedürfnis perspektivische Verkürzungen 
darzustellen. Der primitive Mensch sieht eben wie das Kind die 
Dinge flächenhaft und übersetzt das Plastische unwillkürlich in 
die Fläche, klappt die Formen zum Zweck der Projektion in Ge¬ 
danken parallel zur Bildebene um. Es wäre technisch noch eher 
wahrscheinlich, dass die Plastik sich aus der Malerei, d. h. durch 
plastische Weiterführung der eingravierten Umrisslinien, als um¬ 
gekehrt die Malerei aus der Plastik entwickelt hätte. Aber auch 
das glaube ich nicht, vielmehr bin ich der Ansicht, dass alle 
bildenden Künste aus selbständigen Quellen geflossen sind, ent¬ 
sprechend den technischen Bedingungen, unter denen die Aus¬ 
führung steht, als nämlich das Bedürfnis eines Ersatzes für die Wirk¬ 
lichkeit den Menschen zur Nachahmung der Naturformen drängte. 
Ebenso zweifelhaft sind die Anfänge der angewandten Kunst, die 
sich, wie man gewiss mit Recht annimmt, an die Keramik und die tex¬ 
tilen Künste angeknüpft haben. Flechten und Weben sind primitive 
Techniken, deren Entstehung gewiss in die Anfänge des Menschen¬ 
geschlechts überhaupt zurückgeht. Die Behauptung, dass die Aus¬ 
führung von Thongefässen erst in der neolithischen Periode be¬ 
gonnen habe, ist sicher unhaltbar. Natürlich hat der Mensch sich 
zuerst in Tierfelle gekleidet und aus ausgehöhlten Früchten gegessen 
und getrunken. Aber wo ihm beides nicht zur Verfügung stand, wird 
er schon sehr früh Flechtarbeiten gemacht und Gefässe aus unge- 
branntemThon hergestellt haben, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. 
Hier ist also die Verbindung der Kunst mit den praktischen 
Lebensinteressen von vornherein gegeben. Es fragt sich nur, ob 
diese Verbindung auch in der Verzierung dieser Gebilde und Gerät¬ 
schaften zu Tage tritt. Soweit zu dieser menschliche und tierische 
Gestalten verwendet werden, ist diese Frage zu bejahen. Denn 
solche Verzierungen sind nicht anders zu beurteilen als die selb¬ 
ständigen Darstellungen von Menschen und Tieren. Die freie 
Fläche der Gerätschaften, Waffen u. s. w. wird benutzt, um Dar¬ 
stellungen der Natur darauf anzubringen, die dem Menschen einen 
Ersatz für die mangelnde Wirklichkeit bieten. 
Bei der Darstellung der Tiere, mag sie nun selbständig sein 
oder im Dienste der Dekoration stehen, hat man immer den rück- 
sichtslosen Naturalismus bewundert, mit dem der primitive Mensch 
seine Jagdbeute wiederzugeben wusste. Dieser Naturalismus ist 
viel grösser als der des Kindes, das die Tiere seiner Umgebung 
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