Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/192/
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ausgeübt werden. Auch da wo die Formen des Tanzes nicht gerade¬ 
zu obszön sind, ergiebt sich der sexuelle Charakter dieser Kunst aus 
dem Umstand, dass bei vielen Naturvölkern abwechselnd die 
Frauen den Männern und die Männer den Frauen vortanzen. Der 
Tanz ist auf dieser Stufe durchaus kein uninteressiertes ästhetisches 
Vergnügen, sondern geradezu ein sexuelles Reizmittel, dessen 
Zweck also wesentlich mit die Erhaltung der Gattung ist. 
Ausserdem wird der Tanz aber bei allen möglichen festlichen 
Gelegenheiten, Friedensschlüssen, Auszug in den Kampf, Bünd¬ 
nissen, Erntefesten u. s. w. ausgeführt. Auch hier wird man eine 
Verbindung der durch ihn erzeugten ästhetischen Lustgefühle mit 
den an seine äussere Veranlassung anzuknüpfenden inhaltlichen 
Lustgefühlen vorauszusetzen haben. Allmählich löste sich dann 
aber die Verbindung mit diesen praktischen Lebensinteressen 
und der Reiz der Illusion trat an die Stelle jener inhaltlichen 
Reize. Der ungeheure Lustwert der rhythmischen Bewegung, 
der ja nicht nur auf ihrer Bequemlichkeit beruht, würde sich 
in der That leichter erklären lassen, wenn wir annehmen dürften, 
dass sich in diesen rhythmischen Bewegungen gewissermassen 
Jahrtausende hindurch die Lust von zahllosen Generationen unserer 
Vorfahren niedergeschlagen hätte, und zwar nicht nur sexuelle 
Lust, sondern solche der allerverschiedensten Art. 
Die Musik, die den Tanz begleitet und wie wir schon gesehen 
haben ursprünglich eine untrennbare Einheit mit ihm bildet, ist 
sowohl Instrumental-, wie Vokalmusik. Dass die menschliche 
Stimme das erste Instrument war, das der Mensch spielte, ist 
selbstverständlich. Aber schon auf der frühesten Stufe kennt er 
primitive Blas- und Saiteninstrumente. Er setzt damit nur fort, 
was schon in der Tierwelt begonnen hatte, indem ja beim Tier die 
Erzeugung von Geräuschen durch Reibung an Blättern und Gras¬ 
halmen, durch Klopfen an Baumstämmen, Schlagen an tönende 
Gegenstände u. s. w. etwas ganz gewöhnliches ist. Die Verbindung 
mit dem Tanze macht es verständlich, dass nicht das melische, 
sondern das rhythmische Element auf dieser Stufe am meisten 
hervortritt. Die Tonintervalle der primitiven Musik sind sehr be¬ 
schränkt und eintönig, die rhythmische Gliederung dagegen lebhaft 
und streng. Als Ganzes steht die Musik der Primitiven eher 
unter als über dem Gesang der Vögel und den Tönen gewisser 
Affenarten wie des Gibbon. 
Sonderbarerweise hat man der primitiven Musik den Zu-
        

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