Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/16/
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Züge, durch die sie sich den Künsten nähern. An erster Stelle die 
Nachahmung. Sie ist eine der wichtigsten Begleiterscheinungen 
der Kunst und des Spiels. Es giebt Forscher, die sie für das 
wichtigste Kennzeichen des Spiels überhaupt halten, und solche, 
die eine besondere Gruppe von Nachahmungsspielen statuieren. 
Beides halte ich nicht für glücklich. Die Nachahmung an sich ist 
nichts, wodurch sich Spiel und Kunst von anderen menschlichen 
Thätigkeiten unterschieden. Sie ist vielmehr einer der elementarsten 
allgemeinen Triebe des Menschen, die sich im Kampfe ums Dasein 
entwickelt haben. Die Nachahmung der Alten durch die Jungen, 
des Leittiers der Herde durch die übrigen Tiere ist eine Vorstufe 
ihrer menschlichen Entwickelung. Bei allen Spielen hat sie eine 
Bedeutung. Das Kind lernt die meisten Spiele durch Nachahmung 
der Erwachsenen oder anderer Kinder. Gerade weil sie keinen 
praktischen Zweck haben, müssen sich bei ihnen bald kon¬ 
ventionelle Formen ausbilden, die sich von einer Generation 
auf die andere vererben. Es ist bekannt, wrelch zähes Leben diese 
Formen haben. Viele Spiele sind noch jetzt beliebt, die schon im 
Altertum und im Mittelalter gespielt wurden. Das wäre ohne 
einen starken Nachahmungstrieb undenkbar. In der Kunst tritt die 
Nachahmung in doppelter Form auf, erstens als Nachahmung der 
Natur, zweitens als Nachahmung anderer. Die Nachahmung der 
Natur werden wir bei den Illusionsspielen näher kennen lernen 
und uns dabei überzeugen, dass Kunst und Spiel auch in dieser 
Beziehung eine enge Verwandtschaft haben. Die Nachahmung 
anderer hat in der Kunst von jeher eine Rolle gespielt. Sie tritt 
uns im Jugendleben vieler grosser Künstler entgegen und muss 
einen ganz besonderen ästhetischen Reiz haben. Auf ihr beruht 
die Macht der Tradition. Allerdings ist diese nicht unüberwindlich, 
vielmehr ihre Durchbrechung eine Bedingung des Fortschritts. 
Aber gerade dass dieser immer mit Kämpfen verbunden ist, be¬ 
weist die elementare Stärke des Nachahmungstriebes. Auch hierin 
stimmen also Kunst und Spiel vollkommen überein. 
Für die psychische Wirkung des Spieles sind zwei wesentliche 
Elemente die Aufmerksamkeit und die Spannung. Gerade 
sie finden wir auch in der Kunst. Spieler folgen dem Geschicklich¬ 
keitsspiel, Zuschauer dem Schauspiel mit grösster Aufmerksamkeit, 
werden durch seine verschiedenen Phasen in höchste Spannung 
versetzt. Da die Begriffe Aufmerksamkeit und Spannung von den 
Psychologen verschieden erklärt werden, will ich bemerken, dass
        

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