Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/15/
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der Bewegung willen da. Der Briefträger, der seine Briefe an 
ihren bestimmten Ort bringt, leistet eine Arbeit, vollzieht eine 
Ernsthandlung, der Spaziergänger, der im Walde einherschlendert 
und dabei wohl auch in eine Kneipe einfällt, treibt ein Bewegungs¬ 
spiel. Für jenen ist der praktische Zweck, für diesen das Gehen als 
solches die Hauptsache. Nur das Spiel gewährt aber reinen Genuss. 
Übrigens brauche ich nicht zu bemerken, dass es viele Be¬ 
wegungsspiele giebt, die gleichzeitig den Charakter von Sinnes- und 
Geschicklichkeitsspielen haben. Die Grenzen sind auch hier flüssig. 
Auch die Bewegungsspiele der Kinder, das Hüpfen, Rennen, 
Springen, Klettern, Werfen, Ballspielen, Schaukeln u. s. w. haben 
häufig einen fingierten Ernstzweck. Und es soll nicht geleugnet wer¬ 
den, dass die Erreichung desselben eine gewisse Lust gewährt. Aber 
sie ist sekundärer Art. Ob man beim Haschen den Gegner fängt 
oder beim Verstecken ihn findet, ob man beim Abschlagen, beim 
Kämmerchenvermieten u. s. w. richtig herauskommt, das ist für 
den Genuss nicht entscheidend. Auch die Verlierenden haben ihre 
Freude am Spiel. Die Aufgabe, die die Spieler sich stellen, hat 
nur den Zweck, das Spiel lebhafter zu machen. 
Bewegungs- und Geschicklichkeitsspiele, zu denen komplizierte 
Apparate nötig sind, und die den ganzen Menschen in Anspruch 
nehmen, bezeichnen wir als Sport. Sie entfernen sich vom Spiel 
und von der Kunst um so mehr, je mehr sie sich in ihrem Be¬ 
triebe der ernsthaften Arbeit nähern. Auch bei den Bewegungs¬ 
spielen findet oft eine gewisse Illusion statt, besonders da wo 
das Spiel auf einer Gegnerschaft zweier Personen oder Parteien 
beruht. Aber die Illusion ist für sie nicht notwendige Bedingung. 
Auch von den Bewegungsspielen ist zur Kunst nur ein Schritt. 
Denn ihre höchste Form geht unmittelbar in den Tanz über. 
Kinder haben eine Menge rhythmischer Bewegungsspiele, die den 
Tänzen sehr nahe stehen, ohne doch eigentliche Tänze zu sein. Wenn 
ein Kind im rhythmischen Zweischritt oder Dreischritt über die 
Strasse tänzelt oder mit beiden Füssen abwechselnd über die Gosse 
herüber auf das Trottoir hüpft (in Tübingen nennt man das „Stäffele 
aufi und abi“), so kann man noch nicht von Kunst sprechen. 
Dreht es sich aber mit anderen in rhythmischer Bewegung im 
Kreise oder bewegt es sich gar nach den Klängen rhythmischer 
Musik, so führt es einen Tanz aus. 
Fassen wir nun zunächst die bisher betrachteten Spiele ins 
Auge, so finden wir bei ihnen noch einige bisher nicht besprochene
        

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