Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/14/
Reizen, die der Erwachsene dem Kinde bietet. Bei steigender In¬ 
telligenz bildet dieses produktive Sehspiele aus. Es verschafft sich 
diese Reize selbst, indem es Muscheln, Steine, Federn, Beeren und 
allerlei sonstige glänzende und bunte Gegenstände sammelt. Der 
Sammeltrieb (I 282) stellt sich in den Dienst des sinnlichen Ge¬ 
nusses. Durch seine Befriedigung werden die sinnlichen Reize, 
die die Natur bietet, konzentriert und in den Dienst des Indivi¬ 
duums gestellt. 
• • 
Hier ist der Übergang zur Kunst ganz deutlich. Während 
man das Sammeln und Aufreihen von Naturgegenständen im all¬ 
gemeinen noch nicht als Kunst bezeichnet, muss man schon, wenn 
diese Naturgegenstände durch künstliche Gebilde wie Glasperlen, 
Ringe, Goldplättchen, glasierte Thonkügelchen u. s. w. ersetzt wer¬ 
den, von Kunst sprechen. Der Übergang vom Spiel zur Kunst 
ist also nur ein Schritt. Und wir haben gesehen, dass gewisse 
Formen der dekorativen Kunst geradezu aus den äusseren Be¬ 
dingungen des Sammelns hervorgehen. Jedenfalls ist entwickelungs¬ 
geschichtlich das erste hierbei die Freude an dem sinnlichen Reiz. 
Erst später entwickelt sich, auf ihrer Grundlage, das Bedürfnis 
nach Illusion. 
Eine Vorstufe des Tanzes haben wir in den Bewegungs¬ 
spielen zu erkennen. Sie entstehen aus dem instinktiven Drang 
nach Bewegung bei mangelhafter Gelegenheit zur Ausführung der¬ 
selben. Wer durch seinen Beruf gezwungen ist, sich den ganzen 
Tag über zu bewegen, der hat kein Bedürfnis nach Bewegungs¬ 
spielen. Bauern und Handwerker wollen, wenn sie nicht der 
Arbeit nachgehen, ihre Ruhe haben. Der Gelehrte, der Künstler, 
der Beamte dagegen geht gern spazieren. Das Spazierengehen 
ist das bekannteste und bei Erwachsenen beliebteste Bewegungs¬ 
spiel. An ihm kann man die Zwecklosigkeit des Spiels am besten 
erkennen. Wohl kann der Spaziergänger den eigentlichen Zweck 
seiner Thätigkeit, nämlich Stärkung der Gesundheit, im Bewusst¬ 
sein haben. Aber die genussreichsten Spaziergänge sind die, bei 
denen er nicht daran denkt. Auch die Fiktion des Zwecks ist 
hier besonders deutlich. Denn auch der Spaziergänger setzt sich 
meistens ein Ziel, den Gipfel eines Berges, eine Schenke im 
Walde u. s. w. Aber nicht immer legt er auf seine Erreichung 
besonderen Wert. Oft betrachtet er sie nur als idealen Antrieb, 
durch den er sich selbst zur Bewegung anfeuert. Gewöhnlich 
ist nicht die Bewegung um des Zieles willen, sondern das Ziel um
        

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