Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/134/
Schwurgerichtshof, vor dem das Verbrechen bestraft wird, die Un¬ 
schuld an den Tag kommt. 
Auch diese Theorie fand deshalb keinen Anklang, und zwar 
besonders bei denen, die von der Welt eine andere Auffassung 
hatten. Diese sagten nicht mit Unrecht: In Wirklichkeit triumphiert 
die sittliche Weltordnung durchaus nicht immer. Sehr häufig 
bleibt das Unrecht unbestraft und die Tugend unbelohnt. Deshalb 
muss auch die Tragödie ihre Motive so wählen, dass dabei die 
Schlechtigkeit der Welt zum Ausdruck kommt. Der Held muss 
in ihr untergehen, obwohl er gut und edel ist, weil eben das Gute 
und Edle in der Welt immer den Kürzeren zieht. Die Tragödie soll 
uns die Welt im Spiegel zeigen. Man soll sehen: So schlecht 
sind die Menschen, so wenig thut die göttliche Vorsehung, um 
die Schlechtigkeit zu bestrafen und die Tugend zu belohnen. 
So entwickelte sich also neben der optimistischen eine pessi¬ 
mistische Theorie der Tragödie, und jede von ihnen stützte sich 
auf diejenigen Züge des klassischen Dramas, die ihr günstig zu 
sein schienen. Das konnte sie auch sehr gut, denn die meisten 
Tragödien enthielten Züge, die sowohl im einen wie im anderen 
Sinne gedeutet werden konnten. Dabei machte man sich aber 
nicht klar, dass beide Theorien doch eben nur unter Voraus¬ 
setzung der Richtigkeit der ihr zu Grunde liegenden Welt¬ 
anschauungen richtig sein konnten. Da nun keine Weltanschauung 
den wissenschaftlichen Beweis ihrer Richtigkeit führen kann, der¬ 
artige Überzeugungen auch meistens gar nicht die Folge philo¬ 
sophischer Spekulation, sondern Sache des Temperaments sind, 
so konnte auf diesem Wege natürlich auch keine normative 
Theorie der Tragödie zu stände kommen. Denn was dem einen 
nach seiner Weltanschauung zweifellos richtig schien, schien dem 
anderen nach der seinigen zweifellos falsch. 
Man müsste danach von Rechts wegen annehmen, dass ein 
Mensch mit optimistischer Weltanschauung nicht im stände wäre, 
eine Tragödie mit pessimistischem Inhalt zu gemessen und um¬ 
gekehrt. Da nun aber thatsächlich jeder ästhetisch gebildete Mensch 
jede gute Tragödie gemessen kann, mag das Gute nun darin siegen 
oder nicht, so hätte man, meine ich, auf den Gedanken kommen 
sollen, dass der Inhalt als solcher, seiner ethischen Qualität nach, 
nicht ausschlaggebend für den ästhetischen Genuss sein kann, son¬ 
dern dass die Entscheidung in dem Verhältnis des Inhalts (und der 
Form) zu unserer Vorstellung vom Leben zu suchen ist. Haben wir
        

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