Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/130/
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die Inhaltsästhetik auseinander. Die Illusionsästhetik behauptet, dass 
es nur darauf ankomme, das Traurige, das den Inhalt der Tragödie 
bildet, so zu wählen und zu gestalten, dass eine möglichst starke 
Illusion erzeugt wird, weil eben durch diese Illusion, d. h. durch 
den sie konstituierenden Wechsel zweier Vorstellungsreihen das 
Bewusstsein verhindert wird, längere Zeit und intensiv bei dem 
unlusterregenden Inhalt zu verweilen. Die Inhaltsästhetik dagegen 
behauptet, dass das Traurige in der Form des ethisch Befriedigen¬ 
den, des Erhabenen oder wenigstens des Erhebenden dargestellt 
werden müsse, wenn tragische Lust entstehen solle. 
Es würde hier zu weit führen, wenn ich alle Versuche be¬ 
sprechen wollte, die darauf hinauslaufen, das Tragische als ein 
ethisch Befriedigendes zu formulieren. Nur ein paar Richtungen 
derselben mögen hier kurz charakterisiert sein. Nach der herrschen¬ 
den, bis vor kurzem alleinherrschenden Auffassung muss jede 
Tragödie einen Helden haben. Dieser Held geht in den meisten 
Fällen unter, und zwar nicht ohne weiteres, sondern nach längeren 
Leiden und Kämpfen. Er wird in der Regel so geschildert, dass 
er entweder ganz oder wenigstens in der Hauptsache unsere Sym¬ 
pathie erregt. Es kommt aber auch vor — ich erinnere an Richard III. 
und Lady Macbeth —, dass er schlechthin als Verbrecher charakteri¬ 
siert wird. Beide Fälle bieten für die Inhaltsästhetik die grössten 
Schwierigkeiten. Der erste, weil es vollkommen unbegreiflich ist, 
wie der Untergang einer uns sympathischen Person Lust erregen 
kann, der zweite, weil es vollkommen unbegreiflich ist, wie der 
Dichter eine unsympathische Person in den Mittelpunkt einer 
Dichtung stellen kann. Es ist sehr amüsant zu beobachten, wie 
sich die Inhaltsästhetik bemüht hat über diese Schwierigkeiten hin¬ 
wegzukommen. 
Das erste elementarste Mittel dabei war die Theorie der 
Schuld. Der Held musste, wenn er auch im allgemeinen sympa¬ 
thisch war, doch irgend einen Schatten in seinem Charakter, irgend 
einen Zug an sich haben, der als Schuld gedeutet werden konnte. 
Nun begann das Suchen nach der Schuld. Der Litterarhistoriker 
und Ästhetiker hüllte sich in den Talar des Strafrichters und 
suchte nach einem wenn auch noch so kleinen Fleckchen auf dem 
sonst so reinen Spiegel der Heldenseele. Und er fand es. Das 
war in vielen Fällen ganz natürlich. Denn wir sind allzumal 
Sünder, und wenn jemand, der an erhabener Stelle steht, von 
seinen Feinden oder sonstigen ihm entgegenwirkenden Kräften
        

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