Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/13/
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und sie beweisen, dass das Geräusch als solches für Kinder und 
Erwachsene von wenig entwickeltem Hörsinn einen Genusswert 
hat. Es ist unstatthaft, bei den Hörspielen angenehme und un¬ 
angenehme Geräusche zu unterscheiden. Ein Geräusch, das frei¬ 
willig ausgeführt wird, ist für den, der es ausführt, immer an¬ 
genehm. Man muss eben voraussetzen, dass dem Menschen auf 
einer niederen Entwickelungsstufe Geräusche einen mindestens 
ebenso grossen Reiz gewähren wie Töne. Eine Bestätigung dafür 
bietet die Vorliebe der Primitiven für Pauken, Tamtam, Schallstöcke, 
Schwirrhölzer, Gongs u. s. w. 
Offenbar ist das Bedürfnis nach Geräuschen, d. h. nach kräf¬ 
tiger Bethätigung des Gehörsinns eine Vorstufe des musikalischen 
Bedürfnisses. Was für die Kinder und Primitiven die Hörspiele 
sind, das ist für den Erwachsenen die Musik. Beide füllen eine 
Lücke in ihrem Leben aus, indem sie ihrem Hörorgan Reize zu¬ 
führen, die dieses zu seiner Erhaltung und Entwickelung braucht, 
während sie ihm das Leben nicht bietet. Sie sind also eine Er¬ 
gänzung der Wirklichkeit ohne bewussten Zweck. Und zwar ist ihre 
Wirkung eine vorwiegend sinnliche. Insofern entsprechen sie den 
sinnlichen Reizen der Musik. Aber daneben haben sie auch schon 
einen Gefühlswert, insofern Kinder mit ihnen meistens einem Gefühl, 
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gewöhnlich dem der Lust oder des Übermutes Ausdruck geben. 
Und wenn diese Ausdrucksfähigkeit auch beschränkt ist, so bereitet 
sich doch gewiss schon auf dieser Stufe die Assoziation der akusti¬ 
schen Reize mit gewissen Gefühlen vor, die die Grundlage und 
Vorbedingung der späteren Ausdrucksfähigkeit der Musik ist. Die 
Verwandtschaft der Hörspiele mit der Musik ist also so eng, dass 
man sie geradezu als Vorstufe dieser Kunst bezeichnen kann. Beide 
unterscheiden sich nur dadurch voneinander, dass sie verschiedenen 
Entwickelungsstufen des Organismus entsprechen. Die Musik ist 
ein gesteigertes mit grösserem Formenreichtum und grösserer Aus¬ 
drucksfähigkeit ausgestattetes Hörspiel. 
Ebenso verhalten sich die Sehspiele zu den dekorativen 
Künsten und der sinnlichen Seite der Malerei und Plastik. Licht, 
Farbe und Glanz gewähren dem Menschen, wie wir gesehen haben, 
schon an sich ein sinnliches Vergnügen. Der Säugling wendet den 
Kopf gern dem Fenster oder der Lampe zu und früh entwickelt 
sich beim Kinde die Freude an bunten Farben und glänzenden 
Gegenständen. Die Sehspiele wollen dieses Bedürfnis befriedigen. 
Zuerst äussern sie sich in rezeptiver Form, d. h. als Freude an
        

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