Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/129/
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leiter ziemlich tief. Wir haben alle das Gefühl, dass sie keine 
höhere Kunst sind. 
Schon dies weist mit Bestimmtheit darauf hin, dass der Inhalt 
als solcher nicht das Ausschlaggebende in der dramatischen Poesie 
sein kann. Wenn ein Inhalt, der zweifellos im höchsten Grade 
lusterregend ist, der uns unter Umständen in eine geradezu über¬ 
wältigende explosive Lust versetzen kann, nicht im stände ist, eine 
Posse zu einem höheren Kunstwerk zu machen, wenn dagegen 
ein Lustspiel wie Minna von Barnhelm, in dem es allerdings auch 
nicht an drolligen Situationen fehlt, doch in erster Linie wegen 
seiner feinen Charakterzeichnung und seiner wirksamen Handlung 
geschätzt wird, so ist klar, dass das Komische als Inhalt nicht die 
Ursache der ästhetischen Lust ist, sondern vielmehr die Glaub¬ 
würdigkeit und Lebens Wahrheit, mit der uns ein komischer, d. h. 
an sich lusterregender Inhalt auf der Bühne vorgeführt wird. Der 
komische Inhalt, der im feineren Lustspiel noch zu der Lebens¬ 
wahrheit hinzukommt, muss bei dem Gesamteindruck sehr wenig 
ins Gewicht fallen, wenn eine Posse, in der jener überwiegt, 
ästhetisch in unserer Schätzung soviel tiefer steht als ein Lustspiel, 
in dem er nur eine nebensächliche Bedeutung hat. 
Und wenn wir nun von hier zur Tragödie übergehen, so 
liegt die Schlussfolgerung auf der Hand. Zwar giebt es eine 
Menge Menschen, die lieber Lustspiele als Trauerspiele sehen, und 
bei der Art, wie unsere tragische Schauspielkunst gegenwärtig im 
argen liegt, kann man ihnen das auch nicht verdenken. Aber 
dennoch haben die meisten ästhetisch Gebildeten einen tieferen 
und echteren Genuss an der Tragödie als an der Komödie und 
Posse. Jedenfalls kann man sagen, dass ceteris paribus, d. h. gleiche 
Vortrefflichkeit des Spiels vorausgesetzt, jene einen tieferen und 
nachhaltigeren ästhetischen Genuss gewährt als diese. Daraus 
allein geht schon mit Sicherheit hervor, dass der Genuss auf dem 
Inhalt als solchem nicht beruhen kann. Denn mag man auch den 
Inhalt der Tragödie ethisch formulieren wie man wolle, vorwiegend 
lusterregend wird man ihn niemals machen können. Höchstens 
könnte man seine unlusterregende Kraft durch die besondere For¬ 
mulierung einigermassen abschwächen. 
Es fragt sich also, durch welche Mittel der unlusterregende 
Inhalt der Tragödie so • zurückgedrängt und in seiner Wirkung 
abgeschwächt werden kann, dass er gegenüber der ästhetischen Lust 
nicht in Betracht kommt. Und hier gehen nun die Illusions- und
        

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