Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/128/
I25 
jene Gestaltung des ethischen Problems ist tragisch, d. h. in der 
Tragödie lusterregend, jene nicht. Die Illusionsästhetik unter¬ 
scheidet sich von dieser Betrachtungsweise prinzipiell dadurch, dass 
sie die künstlerische Wirkung nicht von der ethischen Qualität 
des Inhalts als solcher, sondern lediglich von seiner drama¬ 
tischen Wirksamkeit abhängig macht. Auch sie ist der An¬ 
sicht, dass die Tragödie nicht alles Traurige, Grausige und Furcht¬ 
bare darstellen dürfe, was es im Leben giebt. Aber sie zieht die 
Grenze zwischen Darstellbarem und Undarstellbarem nicht mittelst 
des ethischen, sondern mittelst des künstlerischen Massstabes. Die 
Inhaltsästhetik sagt: Die Tragödie kann nur gewisse ethische Pro¬ 
bleme darstellen, weil nur diese gross und würdig genug sind, 
den Menschen zu interessieren. Die Illusionsästhetik dagegen sagt: 
Die Tragödie kann alle ethischen Probleme darstellen, die so dar¬ 
gestellt werden können, dass eine dramatische Wirkung, d. h. 
Illusion entsteht. Mit anderen Worten: Die Inhaltsästhetik macht 
die ästhetische Wirkung der Tragödie von der ethischen Qualität 
ihres Inhalts, die Illusionsästhetik von ihrer Anregungskraft im 
Sinne der Illusion abhängig. 
Ehe wir die Bestimmungen der inhaltlichen Normierung ge¬ 
nauer durchnehmen, wollen wir das Gegenstück zum Tragischen, 
das Komische, einer kurzen Betrachtung unterziehen. Wir haben 
früher gesehen (I 341), dass die psychologische Wirkung des 
Komischen im Leben sowie die des Witzes mit der ästhetischen 
Illusion eine gewisse Verwandtschaft hat, insofern sie in der Form 
zweier paralleler Vorstellungsreihen auftritt, die plötzlich neben¬ 
einander im Bewusstsein entstehen. Das Komische in der Kunst 
wirkt dagegen in ganz anderer Weise. Zwar spielt auch bei ihm 
der komische Inhalt als solcher eine gewisse Rolle. Drollige 
Situationen, komische Pointen, witzige Kalauer sind in der Komödie 
und besonders in der Posse unentbehrlich. Es liegt kein Grund 
vor, ihre Wirkung auf der Bühne für geringer zu halten als im 
gewöhnlichen Leben. Ausserdem versetzt uns aber die Komödie 
auch in die Illusion des Lebens, der Natur. Es ist also eine 
doppelte Art von Vorstellungswechsel, der hier zu stände kommt, 
eine niedere rein komische und eine höhere illusionistische. Denn 
dass die Wirkung der Situationskomik und des Wortwitzes in der 
That ästhetisch niederer Art ist, fühlt jeder einigermassen Gebildete. 
Deshalb stellen wir auch diese Modelustspiele und Possen, so sehr 
wir uns bei ihrem Anblick amüsieren, auf der ästhetischen Stufen-
        

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