Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Zweiter Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39790/127/
Tragischen vorgenommen , die einen vollkommen ethischen Cha¬ 
rakter hatte. 
Es würde hier zu weit führen, wenn ich die Irrgänge dieser 
Normierung, die sich durch die Geschichte der Ästhetik hindurch¬ 
ziehen, im einzelnen verfolgen wollte. Man findet das Material 
jetzt sehr ausführlich bei Volkelt zusammengestellt. Hier mögen 
nur einige Andeutungen Platz finden, da es nicht meine Absicht 
ist, die Probleme der Poetik ausführlich zu behandeln. Vor allen 
Dingen muss darauf hingewiesen werden, dass diese inhaltliche 
Normierung auf der selbstverständlichen Voraussetzung beruht, die 
ästhetische Lust an der Tragödie sei durch die Freude am Inhalt 
bestimmt. Diese Voraussetzung ist aber wie gesagt unhaltbar. Denn 
wie ist es überhaupt möglich, dass ein Kunstwerk einen hässlichen 
Inhalt haben kann, wie erklärt es sich, dass wir freiwillig ins 
Theater gehen, um uns dort die grässlichsten Ereignisse, Mord 
und Totschlag, Gift und Dolch, furchtbare Verbrechen, gemeine 
Intriguen, Laster und Verworfenheit Vorspielen zu lassen, von 
denen wir uns im gewöhnlichen Leben mit Grauen und Abscheu 
abwenden würden? 
In der That giebt es ja Leute, die schlechterdings an einer Tra¬ 
gödie keine ästhetische Lust haben und deshalb ihren Anblick ver¬ 
meiden. Das sind einerseits die ästhetisch Ungebildeten, die die 
Täuschung nicht als solche festhalten können (I 221), andererseits 
die, die im Leben nicht allzuviel Glück gehabt haben und dem¬ 
entsprechend auch keine Ergänzung ihres Wesens nach der Seite 
des Unglücks brauchen. Diese sagen ganz einfach : Der Inhalt der 
Tragödie ist traurig, ihr Anblick also nicht lusterregend, folglich 
gehe ich nicht in eine Tragödie. 
Die Inhaltsästhetiker stehen im Wesentlichen auf demselben 
Standpunkt, nur mit dem Unterschied, dass sie die ästhetische Lust 
an der Tragödie, die ja gegenüber dem Verhalten der ästhetisch Ge¬ 
bildeten nicht geleugnet werden kann, konzedieren, dafür aber den 
traurigen Inhalt der Tragödie in bestimmter Weise ethisch 
gestaltet wissen wollen, um ihren künstlerischen Wert zu¬ 
geben zu können. Natürlich, denn wenn es der Inhalt ist, der in 
der Kunst Vergnügen gewährt, so muss ein trauriger Inhalt ethisch 
von ganz bestimmter Art sein, wenn er ästhetisch befriedigen soll. 
In der That beruhen alle Versuche, das Tragische genauer zu 
bestimmen, auf dem Bestreben, den Inhalt der Tragödie als solchen 
ethisch zu normieren. Alle Inhaltsästhetiker sagen: Diese oder
        

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