Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/89/
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Allein das würde uns wenig nützen. Denn wir haben auch 
im Gebiete des Gesichts- und Gehörssinns Produktionen, die Lust 
erregen, ohne doch als Kunstwerke zu gelten. Aus dem Gebiete 
des Gesichtssinns nenne ich das Feuerwerk, aus dem Gebiete 
des Gehörssinns die Äolsharfe. Ein Feuerwerk geniessen wir 
wegen der schönen bunten, schwungvoll durch die Luft empor- 
schiessenden Raketen und Leuchtkugeln, eine Äolsharfe wegen der 
harmonischen künstlich abgestimmten Töne, die ihr der Wind 
entlockt. Dennoch wird es keinem Menschen einfallen, ein schönes 
Feuerwerk mit einem Bilde von Tizian, eine klingende Äolsharfe 
mit einem von Joachim gespielten Stradivarius zu vergleichen. In 
der Natur der bei der Wahrnehmung in Thätigkeit tretenden Sinne 
kann also der Unterschied nicht liegen. 
Ein zweiter Gedanke wäre vielleicht der, dass die Werke der 
Kunst einen Inhalt haben müssten, der bei rein sinnlichen Pro 
duktionen wie der Torte, dem Feuerwerk, der Äolsharfe fehlt. 
Aber was heisst das: einen Inhalt haben? Was ist z. B. der 
Inhalt eines Ornaments, einer Fuge, eines Tanzes? Man würde 
Mühe haben darauf eine Antwort zu geben, und die Ästhetik hat 
auch thatsächlich noch keine Antwort darauf gefunden. 
Am allernatürlichsten könnte es scheinen, den Unterschied 
der eigentlichen und uneigentlichen Künste darin zu erkennen, 
dass diese uns einen rein sinnlichen, jene dagegen einen höheren 
geistigen Genuss verschafften. Aber dagegen lässt sich dasselbe 
einwenden wie gegen das Merkmal des Inhalts.* Was ist der höhere 
geistige Genuss, den ein Ornament, eine Fuge, ein Tanz verschafft? 
Und was ist überhaupt ein „höherer geistiger“ Genuss ? Natürlich 
haben wir einen solchen an der Kunst, aber welcher Art ist er? 
Dieses höhere Geistige gilt es ja gerade zu erklären, das ist ja 
gerade das Problem, um das es sich in der Ästhetik handelt. 
Der Unterschied zwischen Psychischem und Sinnlichem genügt 
dazu ebenfalls nicht. Denn auch das Sinnliche ist psychisch. So¬ 
bald eine Sinneswahrnehmung Lust erregt, ist sie zum Central¬ 
organ weitergeleitet worden. Und von hier aus werden alle die 
physischen Veränderungen bewerkstelligt, die den Genuss ver¬ 
ursachen oder mit ihm parallel gehen, die stärkere Blutzufuhr zum 
Gehirn, die gesteigerte Lebensthätigkeit überhaupt nebst allem, was 
damit zusammenhängt. Psychisch wirken also die höheren wie die 
niederen Künste. Es fragt sich nur, wie sie psychisch wirken. Und 
damit sind wir auf das eigentliche ästhetische Problem gekommen.
        

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