Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/88/
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Nun könnte man ja sagen, solche Kunstwerke stellten die 
Höhepunkte der künstlerischen Thätigkeit dar, mit ihnen könne 
man natürlich die niederen Kunstprodukte nicht vergleichen. 
Man brauche nur ein holländisches Stilleben oder eine Porzellan¬ 
vase zu nehmen und der Abstand sei alsdann durchaus nicht 
besonders gross mehr. Dennoch empfindet jeder, dass hier ein 
Unterschied besteht. Er empfindet es schon deshalb, weil der 
Sprachgebrauch ihn macht. Wir bezeichnen nun einmal die Kon¬ 
ditorei, die Parfümerie, die Seifenfabrikation, die ganze chemische 
Geruchsindustrie nicht als Künste. Wir stellen weder ihre Produkte 
noch die der Kochkunst in unseren Kunstausstellungen aus. Sie 
gelten uns als Schöpfungen des Handwerks oder der Industrie. Die 
Definition, die wir für Kunst gegeben haben, muss also unvoll¬ 
ständig sein. Es muss ein wichtiges Glied in ihr fehlen, und 
zwar gerade die Bestimmung, durch die die Kunst als Kunst im 
höheren Sinne charakterisiert wird. Diese gilt es jetzt zu finden. 
Der erste Gedanke, auf den man dabei kommen könnte, wäre 
der, dass der Unterschied dieser Beschäftigungen auf der Natur 
der bei ihnen in Thätigkeit tretenden Sinne beruhe. Die Koch¬ 
kunst, die Konditorei, die Parfümerie u. s. w. sind Thätigkeiten, 
deren Produkte durchweg durch den Geschmack und Geruch 
wahrgenommen werden. Auch im Gebiete des Tast- und Tem¬ 
peratursinns haben wir Thätigkeiten, die auf eine künstliche Er¬ 
zeugung von Lust hinauslaufen. Wenn man sich z. B. im Sommer 
mit einem Fächer frische Luft zufächelt oder im Winter in die 
hohlen Hände haucht, wenn man weiche Tierfelle über einen Divan 
oder auf das Parkett legt, so dass die Hand weich darüber hin¬ 
gleitet und der Fuss tief darin einsinkt, so sind das Mittel, mit denen 
man sich künstlich Lustempfindungen des Tast- und Temperatur¬ 
sinns verschafft. Dennoch fällt es keinem Menschen ein, diese 
Thätigkeiten als Kunst zu bezeichnen. 
Nun ist es ja bekannt, dass diese Sinne, Geschmack, Geruch, 
Tast- und Temperatursinn als niedere bezeichnet werden. Die 
Bezeichnung ist physiologisch und entwickelungsgeschichtlich sehr 
wohl begründet, denn sie funktionieren bekanntlich ungenauer 
als das Gesicht und Gehör und stehen auch entwickelungsgeschicht¬ 
lich auf niederer Stufe. Da nun sämtliche Kunstwerke im höheren 
Sinne mit dem Auge und Ohr wahrgenommen werden, so könnte 
es scheinen, dass man in die obige Definition nur diese beiden 
oberen Sinne einzufügen brauchte, um alle Zweifel zu zerstreuen.
        

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