Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/80/
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bäudes oder eines tektonischen Produkts, eines Gefässes u. s. w. 
ergebe sich unmittelbar aus seinem praktischen Zweck und aus der 
Natur des Materials und der Technik, so beruht sie, wie ich 
glaube, auf einer einfachen Verwechslung zwischen Kunstform und 
Werkform. Gerade die Kunstform ergiebt sich nicht aus diesen 
praktischen Bedingungen, wohl aber die Werkform. Was sich 
aus Zweck, Material und Technik ergiebt, ist eben gar nicht 
Kunstform, und was Kunstform ist, ergiebt sich nicht aus diesen 
Bedingungen. Ein paar Beispiele mögen das erläutern. 
Am griechischen Tempel sind die oblonge Form und die 
senkrechten Wände der Cella, das symmetrisch geneigte Sattel¬ 
dach mit seinen beiden dreieckigen Giebeln Elemente der Werk¬ 
form, die sich unmittelbar aus praktischen Bedürfnissen, aus der 
Technik des Bauens u. s. w. ergeben. Der Säulenkranz dagegen, 
die Form der Säulen im einzelnen, der hohe Unterbau, die Form 
des Gebälks, die Kurvaturen u. s. w. sind Kunstformen. Denn 
sie sind nicht notwendig, brauchen wenigstens nicht notwendig 
so zu sein wie sie sind. Unbedingt praktisch erforderlich war 
nur eine geschlossene und gedeckte gemauerte Cella für den Gott. 
Die Technik des Mauerns erforderte senkrechte Wände, die Rück¬ 
sicht auf den Regen ein geschlossenes und geneigtes Dach. Dieses 
als Satteldach musste Giebel haben. Damit sind die praktischen 
Forderungen erschöpft, man kann danach ganz genau sagen, was 
am Tempel praktisch bedingt war und was nicht. Kunstform 
ist natürlich nur das letztere. Man kann zugeben, dass eine 
angemessene Verbindung zwischen Werkform und Kunstform eine 
Bedingung der architektonischen Schönheit sei, aber man kann 
nicht sagen, dass die Kunstform aus dem praktischen Bedürfnis 
hervorwachse. 
An einem geschmiedeten Gitter, das aus spiral- oder ranken¬ 
förmig gebogenen Eisenstäben konstruiert ist, ist praktisch bedingte 
Werkform nur, dass es eine gewisse Höhe hat und aus Eisen¬ 
stäben besteht, die in einer Ebene liegen und in gewissen nicht 
zu grossen Zwischenräumen miteinander verbunden sind. Dagegen 
ist die gebogene Form dieser Eisenstäbe Kunstform. Gerade sie 
ergiebt sich aber durchaus nicht, wie man vielfach glaubt, aus der 
Technik. Wollte man ein Eisengitter auf die bequemste und 
billigste Weise aus geschmiedeten Eisenstäben herstellen, so würde 
man es aus lauter geraden senkrechten parallelen Stäben, die von 
einigen Querstäben gekreuzt würden, bestehen lassen. Diese Form
        

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