Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/73/
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Der Physiker und Chemiker kann seine Experimente noch so 
anschaulich und elegant ausführen, die Schlussfolgerungen daraus 
noch so lebendig und klar ziehen, er kann durch alles das seinen 
Zuhörern und Zuschauern noch so viel Freude bereiten, seine 
Thätigkeit ist doch keine künstlerische, weil sie nicht den Zweck 
hat, Lust zu erregen, sondern die Wahrheit zu ermitteln, die er¬ 
mittelte Wahrheit anderen anschaulich zu machen. 
Der Historiker kann sich bei der schriftlichen oder mündlichen 
Schilderung historischer Persönlichkeiten und Ereignisse sehr wohl 
künstlerischer Mittel, künstlerischer Formen bedienen. Und er 
kann durch diese Formen anderen sehr wohl einen Genuss be¬ 
reiten. Dennoch kann seine Thätigkeit im ganzen niemals als 
Kunst bezeichnet werden, weil sie nicht den Zweck hat Freude 
zu bereiten, sondern wissenschaftliche Resultate in anschaulicher 
Weise mitzuteilen. Die Freude, die er durch die Form erzeugt, 
ist nicht der Zweck, sondern ein allerdings ganz hübscher Neben¬ 
erfolg seiner Thätigkeit. 
Unsere Geographen legen besonderen Wert auf anschauliche 
Schilderung der Landschaft, womit sie ihre Thätigkeit ohne Zweifel 
der des Landschaftsmalers oder des poetischen Naturschilderers 
nähern. Dennoch ist diese Thätigkeit von der ihrer künstlerischen 
Rivalen prinzipiell verschieden, weil ihre Hauptabsicht nicht die 
ist, durch ihre Schilderung Lust zu erregen, sondern den von 
ihnen wissenschaftlich erkannten Zusammenhang der einzelnen 
Erscheinungen der Erdoberfläche für andere möglichst anschaulich 
zu machen. Die Anschaulichkeit der Schilderung ist bei ihnen 
also nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. 
Man kann sich deshalb auch alle diese Wissenschaften ganz 
gut ohne die künstlerische Form denken. Es giebt eine Menge be¬ 
deutender Gelehrter, denen sie völlig versagt ist, und erst der 
Zwang der Mitteilung wissenschaftlicher Resultate an andere hat 
überhaupt dazu geführt, dass der Gelehrte von der Kunst die 
Mittel geborgt hat, mit denen er auf andere am besten wirken 
zu können glaubte. Die künstlerische Form liegt also durchaus 
nicht im Wesen der Wissenschaft, sondern wird mehr von aussen, 
als etwas zwar Wünschenswertes, aber nicht unbedingt Notwendiges 
zu ihr hinzugebracht. 
Mit der Wissenschaft hängen dann aufs engste die Thätig- 
keiten zusammen, die man als ihre praktischen Anwendungen auf¬ 
fassen kann, z. B. die Thätigkeit des Arztes, des Pädagogen, des
        

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