Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/71/
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das Naturschöne ausschliesst. Dennoch ist sie noch nicht eng genug. 
Denn sie umfasst eine Menge Thätigkeiten, die zwar der weitere 
Sprachgebrauch als Künste bezeichnet, die aber das allgemeine 
Gefühl, das in jedem Menschen lebendig ist, nur mit Widerstreben 
unter diesem Namen gehen lässt. Werte, die dem Menschen ein 
Vergnügen bereiten, schafft nicht nur die Poesie, sondern auch die 
Kochkunst, nicht nur die Malerei, sondern auch die Seiltänzerei, 
nicht nur die Musik, sondern auch die Wissenschaft, nicht nur 
die Architektur, sondern auch die ethische Vortrefflichkeit. Und 
dennoch sind, wie jeder sofort sieht, Kochkunst und Seiltänzerei, 
Wissenschaft und braver Lebenswandel keine künstlerischen Thätig¬ 
keiten. 
Wir müssen also einen zweiten Unterschied machen, indem 
wir Künste im weiteren und engeren Sinne voneinander unter¬ 
scheiden. Die Ästhetik hat sich von jeher vorwiegend mit den letz¬ 
teren beschäftigt. Da wir aber vollkommen vorurteilslos an unsere 
Aufgabe herantreten, müssen wir die uneigentlichen Künste zu¬ 
nächst noch einer Untersuchung unterziehen. Vielleicht gewinnen 
wir, indem wir sie mit den eigentlichen vergleichen, einen wich¬ 
tigen Anhalt zur Ermittelung des Wesens der letzteren. 
Am besten wird man dabei wieder vom Sprachgebrauch aus¬ 
gehen. Wir haben uns gewöhnt, Kunst und Wissenschaft, Kunst 
und Handwerk paarweise zusammen zu nennen. Das beruht zum 
Teil ohne Zweifel auf einer gewissen Ähnlichkeit, zum Teil aber 
auch auf einer Verschiedenheit der beiden Glieder. Bei Kunst 
und Wissenschaft könnte man die Ähnlichkeit in der vorwiegend 
geistigen Natur des Schaffens, bei Kunst und Handwerk in der 
Übereinstimmung in Bezug auf das Können, die manuelle 
Geschicklichkeit suchen. Aber gerade die Zusammenstellung zeigt 
uns, dass wir Kunst und Wissenschaft nicht identifizieren, Kunst 
und Handwerk nicht als dasselbe ansehen. Wir finden zwischen 
ihnen wohl eine Ähnlichkeit in gewissen Dingen, dafür aber in 
anderen wieder eine Verschiedenheit. 
Diese Verschiedenheit beruht, um das hier gleich vorweg zu 
bemerken, auf dem Verhältnis der Thätigkeit zum Genuss einer¬ 
seits und zu sonstigen Zwecken andererseits. Auch wissenschaft¬ 
liche und handwerkliche Thätigkeiten können Genuss erregen. 
Aber dieser Genuss ist bei ihnen nicht das Wesentliche, nicht 
der eigentliche Zweck. Die wahre Kunst dagegen hat in erster 
Linie den Zweck, Genuss zu bereiten. Das kann man an einigen
        

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