Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/61/
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Künstler der Kunst Gesetze geben wollen, sie eigentlich nichts an¬ 
deres thun als ihre eigene Kunst zu beschreiben. Das ist auch 
sehr natürlich. Es giebt keine einseitigeren Beurteiler der Kunst 
als Künstler. Für moderne Künstler interessieren sie sich meistens 
sehr wenig. Und wenn es der Fall ist, so thun sie es nur, weil 
sie mit ihrer Richtung übereinstimmen. Bis zu einem gewissen 
Grade gehört ja Einseitigkeit zum künstlerischen Schaffen. Der 
Künstler muss die Überzeugung haben, dass seine Kunst die 
Kunst sei, sonst kann er nicht mit der nötigen Freudigkeit 
arbeiten. Aber unerlaubt ist es, wenn bedeutende moderne Maler 
wie Courbet und Boecklin sich in einer Weise abfällig über 
die grossen Meister des Cinquecento äussern, wie es wohl bei 
Meistern des Verfalls, nicht aber bei solchen der höchsten Blüte 
geschehen sollte. Und gar über moderne Künstler kann man 
niemals abfälligere Urteile hören als von modernen Künstlern, 
wenn sie nicht zufällig derselben Clique angehören. 
Deshalb sind Künstler im allgemeinen schlechte Theoretiker. 
Zur Theorie gehört nicht Einseitigkeit, stark ausgeprägter indivi¬ 
dueller Geschmack, sondern freier Umblick, gerechte Abwägung 
aller Erscheinungen. Wer sich diese nicht geben kann — und 
die bedeutendsten Künstler können es am wenigsten — der bleibe 
davon. Das Recht des persönlichen Geschmacks hat jeder, das 
Recht ihn anderen zu oktroyieren niemand. 
Darum will ich durchaus nicht leugnen, dass die Künstler¬ 
schriften , die in den letzten Jahrzehnten besonders bei uns in 
Deutschland erschienen sind, für den Ästhetiker einen grossen 
Wert haben. Es ist schon im höchsten Grade nützlich, wenn 
überhaupt einmal ein Künstler das Wort ergreift und uns genau 
sagt, was er für seine Person mit seiner Kunst eigentlich will. 
Indem wir in diesen Schriften nachlesen können, wie bedeutende 
Meister sich mit der Natur abgefunden haben, gewinnen wir 
in ihnen kostbare Bausteine für den Aufbau einer allgemeinen 
Kunstlehre. 
Aber eben nur Bausteine, keine abgeschlossenen Theorien. 
Das ist leider oft verkannt worden. Den Künstlern, die zur Feder 
greifen, kann man es natürlich nicht verargen, wenn sie ihre Art, 
die Natur zu sehen, für allgemeingültig halten. Dafür sind sie 
eben Künstler. Aber ein Fehler ist es, wenn Ästhetiker sich da¬ 
durch so imponieren lassen, dass sie das kleine Partikelchen Wahr¬ 
heit , das meistens in solchen Künstlerschirften steckt, für die
        

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