Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/54/
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Gegenwart, die man für ästhetische Experimente zur Verfügung 
zu haben pflegt, so wächst sie dadurch geradezu ins Unermess¬ 
liche, dass hinter jenen die Tausende und Abertausende ihrer Be¬ 
wunderer und Nachahmer stehen, die uns beweisen, dass sie mit 
ihrer Kunst das reinmenschliche Bedürfnis getroffen haben. Was 
diesen grossen Genien und ihren zahllosen Bewunderern in der 
Kunst schön erschienen ist, das wiegt gewiss schwerer als das, 
was uns heute schön erscheint oder von einer kleinen Clique, der 
wir vielleicht selber angehören, in den Himmel gehoben wird. 
• • 
Die Vorliebe des Ästhetikers für die klassischen Meister — 
natürlich im weitesten Sinne des Wortes — ist also keine Absage 
an die moderne Kunst, kein reaktionäres Festhalten am Ver¬ 
gangenen, sondern vielmehr der Ausdruck einer gewissen Vorsicht 
und Bescheidenheit, eine Folge des Strebens, sich das empirische 
Material der Beweisführung möglichst rein zu erhalten. Im allge¬ 
meinen soll man ja die Stimmen nicht zählen, sondern wägen, 
hier haben wir aber einmal den Fall, dass wir sie gleichzeitig 
zählen und wägen können. Und dadurch gewinnen wir ein über¬ 
wältigendes historisches Beweismaterial, gegen das alle Selbst¬ 
beobachtung, alles Experimentieren an Wert nicht aufkommen 
kann. 
_ • # 
Natürlich hat die Ästhetik dieses Material ja auch von jeher 
benutzt, und erst ihre neueste psychologische Richtung scheint 
nicht übel Lust zu haben, es zu Gunsten der Selbstbeobachtung 
über Bord zu werfen. Aber leider hat man sich seiner früher, 
unter dem Einfluss bestimmter, meist klassizistischer oder roman¬ 
tischer Kunstrichtungen, nicht immer in vorurteilsloser Weise be¬ 
dient. Man hat nämlich ganz willkürlich einzelne Blüteperioden, 
die einem bestimmten Geschmack entsprechen, als die vorwiegend 
klassischen bezeichnet, und andere, deren Bedeutung seitdem längst 
anerkannt ist, als unwichtig beiseite geschoben. Das war ja gerade 
der Hauptfehler der älteren Ästhetik, dass sie einzelne Perioden 
und innerhalb dieser wieder einzelne Meister bevorzugte, und da¬ 
nach allgemeine Gesetze aufstellen zu können glaubte, die zwar 
diesen Perioden und diesen Meistern entsprachen, auf andere aber 
durchaus nicht passten. Alle ästhetischen Irrtümer Winckelmanns 
und Lessings erklären sich daraus, dass sie ihre Gesetze ein¬ 
seitig aus der griechischen, besser gesagt römischen Kunst, allen¬ 
falls der italienischen des Cinquecento abstrahierten, dagegen die 
deutsche und niederländische ganz beiseite Hessen. Kunst war
        

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