Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/49/
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nicht? Von vornherein hätte man weder ein Recht, das eine noch 
das andere mit Sicherheit dafür zu erklären. 
So muss denn zur Selbstbeobachtung als Kontrolle die Be¬ 
obachtung anderer hinzutreten. Das Gattungsmässige, das 
Allgemeinmenschliche der Kunst kann man natürlich nur ermitteln, 
wenn man andere Menschen, eine grössere Zahl von Menschen 
um ihre Meinung befragt. Das geschieht, abgesehen von dem 
wissenschaftlich wenig verwertbaren Austausch der Meinungen im 
Gespräch, jetzt gewöhnlich in der Form des Experiments. Seit¬ 
dem Fechner zum erstenmal den Versuch gemacht hat, eine grössere 
Anzahl von Personen über ästhetische Dinge auszufragen, ihre 
Urteile genau zu buchen und daraus einen Durchschnitt, eine Norm 
zu ermitteln, haben jüngere Forscher wiederholt denselben Weg 
eingeschlagen, um über die Schönheit geometrischer Verhältnisse, 
über Farbenzusammenstellungen, Rhythmen und Harmonien ein 
allgemeingültiges Urteil zu gewinnen. 
Diese Versuche sind, so notwendig es auch war, sie einmal 
anzustellen, durchweg als gescheitert zu betrachten. Ihre Re¬ 
sultate sind schon nach den Aussagen derer, die sie angestellt 
haben, von minimaler Bedeutung, und auch dieses Minimum 
schrumpft bei genauerem Hinsehen zu einem Nichts zusammen. 
Der Grund liegt darin, dass das menschliche Versuchsmaterial, mit 
dem sie angestellt wurden, ein ganz beschränktes war, die Er¬ 
gebnisse folglich nur eine ganz beschränkte Gültigkeit für sich in 
Anspruch nehmen konnten. Was hat es für einen Zweck, acht 
oder zehn, vielleicht auch hundert und mehr Leute zu fragen, 
welches geometrische Verhältnis, welche Farbenzusammenstellung, 
welche musikalische Harmonie ihnen am besten gefällt, wenn man 
alle anderen nicht fragt? Weiss man denn, dass diese Wenigen, 
die ja alle derselben Zeit, demselben Volke, oft auch demselben 
Alter und Geschlecht, derselben Bildungsstufe und demselben Be¬ 
rufe angehören, also natürlich in ganz bestimmter Weise vor¬ 
eingenommen sind, den Geschmack der Gattung repräsentieren? 
Was hat es für einen Zweck, aus ihren Vorzugsurteilen mit dem 
Aufwand grössten Scharfsinns und grösster Genauigkeit einen Durch¬ 
schnitt zu berechnen, wenn man absolut nicht weiss, durch welche 
Verhältnisse, welche Gewohnheiten, welche Anschauungen ihr Urteil 
und ihr Geschmack gerade diese Richtung erhalten haben kann? 
Und dabei sind diese Experimente bisher immer nur in Bezug 
auf untergeordnete rein formale Fragen angestellt worden, die,
        

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