Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/416/
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dings gemachten Versuchen gegenüber stelle, die rezeptive und 
produktive künstlerische Thätigkeit mit den Erscheinungen des so¬ 
genannten Doppelichs oder Doppelbewusstseins zusammenzubringen. 
Man kann von einem Doppelich zunächst in psychopathischem 
Sinne reden. Das psychopathische Doppelich besteht darin, dass 
ein Mensch infolge funktioneller Störungen im Centralorgan zu 
Zeiten einen anderen Bewusstseinsinhalt hat als für gewöhnlich. 
Diese Zerlegung des Menschen in zwei Individuen kommt für die 
Erklärung des Kunstgenusses nicht in Betracht, denn sie hat mit 
ihm nicht die geringste Ähnlichkeit. 
Ferner hat man den Begriff des Doppelichs auf hypnotische 
Zustände angewendet. Hierüber ist schon das Nötige gesagt worden. 
Es kann uns ziemlich einerlei sein, ob man aus der Hemmung 
einzelner Gehirnzentren unter gleichzeitiger starker Inanspruchnahme 
der übrigen ein doppeltes Bewusstsein konstruieren will oder ob 
man, wie es die meisten Psychologen thun, an der Einheit des 
Bewusstseins festhält und den hypnotischen Zustand nur als eine 
partielle Hemmung, d. h. eine Ausschaltung einzelner seiner 
Funktionen auffasst. Jedenfalls handelt es sich dabei um etwas 
ganz anderes als beim ästhetischen Genuss. 
Neben diesen beiden Formen des Doppelichs, über die nach 
dem früher Ausgeführten nichts mehr zu sagen ist, giebt es noch 
eine, die im gewöhnlichen Leben sehr häufig vorkommt. Ich denke 
dabei weniger an die Erscheinung, dass ein Mensch, der einen 
bestimmten Beruf hat, zu Hause einen ganz anderen Charakter zur 
Schau trägt als „im Dienst“, sondern es schweben mir dabei die 
bekannten Erscheinungen der Zerstreutheit vor, die man neuer¬ 
dings sonderbarerweise zur Erklärung des ästhetischen Zustandes 
herbeigezogen hat. 
Ein Mensch ist dann zerstreut, wenn er zwei Thätigkeiten, 
die nichts miteinander zu thun haben, z. B. eine geistige und eine 
körperliche, nebeneinander vollzieht und dabei die eine über der 
anderen vernachlässigt. Wenn z. B. ein Redner, der die Absicht 
hat, einen Vortrag zu halten, zu Fuss dahin wandert, wo dieser 
stattfinden soll, und auf der Strasse immer an seine Rede denkt, 
sich den ganzen Gedankengang oder einzelne Ausführungen re¬ 
kapituliert, so liegt die Möglichkeit einer Zerstreutheit vor. Diese 
kann etwa darin bestehen, dass er während des Weges an andere 
anrennt, Bekannte nicht grösst, sich verirrt u. s. w. Man sagt 
dann eben, er sei auf dem Wege zerstreut gewesen. Es ist aber
        

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