Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/414/
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statt. Solange das Medium in dem Zustand der Suggestion ver¬ 
harrt, ist ihm das was es sich vorstellt und fühlt Wirklichkeit. 
Sobald es aus ihm in den normalen Zustand zurückkehrt, ist es 
für seine Vorstellung überhaupt nicht mehr vorhanden. Von be¬ 
wusster Selbsttäuschung ist also hier nicht die Rede. An Stelle 
des während einer bestimmten Zeit vorhandenen Wechsels zwischen 
Phantasievorstellung und Wirklichkeit tritt hier, ebenso wie beim 
Traum, der einmalige Übergang vom einen zum anderen. 
Etwas näher kommt man schon der Wahrheit, wenn man 
das ästhetische Schaffen mit einer partiellen Hypnose vergleicht 
oder sie als eine Art Autosuggestion auffasst. Ich habe schon 
wiederholt auseinandergesetzt, dass man weder von einem Dichter 
noch von einem Schauspieler annehmen kann, er fühle das, was 
er darstellen wolle, in dem Augenblick der Darstellung in voller 
Stärke. Wenn man also ihren Zustand mit einer Hypnose oder 
Autosuggestion vergleicht, so kann man das nur in dem Sinne 
meinen, dass man darunter eine zeitweise sehr starke Illu¬ 
sion versteht. Am stärksten wird diese Illusion nach dem früher 
Gesagten (S. 106) wahrscheinlich beim Schauspieler sein. Aber auch 
bei ihm ist die Suggestion keineswegs eine völlige. Man hat ja 
wiederholt Urteile bedeutender Schauspieler darüber eingeholt, 
ob sie während des Spiels vollkommen in ihrer Rolle aufgehen, 
das, was sie zu fühlen vorgeben, wirklich fühlen, d. h. ob während 
des Spiels mit ihnen eine völlige „Transfiguration“ vorgehe. Die 
Antworten sind ganz verschieden ausgefallen. Die einen leugnen 
die Aktualität ihrer Gefühle, die anderen behaupten sie, wieder 
andere drücken sich unbestimmt aus und lassen die Möglichkeit 
eines wirklichen Fühlens und doch wieder Nichtfühlens offen. Und 
zwar liegt die Sache keineswegs so, dass die grossen Schauspieler 
durchweg die wirkliche Transfiguration behaupten, die weniger 
guten die Bewusstheit des Spiels stärker betonen. Sondern es 
finden sich auf der einen wie auf der anderen Seite Schauspieler 
ersten Ranges. 
Die empirische Ästhetik wird daraus den Schluss ziehen, dass 
das erfolgreiche Spiel einen Zwischenzustand zwischen wirklichem 
Gefühl und gänzlicher Gefühllosigkeit voraussetzt, und das ist eben 
der Zustand der bewussten Selbsttäuschung. Man kann deshalb 
ruhig zugeben, dass ein grosser Schauspieler in der Zeit, während 
deren er sich durch einen Willensakt in die Illusion versetzt, z. B. 
ein König zu sein, alle Gehirnzentren, deren Wirkung in eine andere
        

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