Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/412/
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deshalb eine andere, weil der Mensch beim Rausch nicht Herr 
über seine Vorstellungen bleibt, sondern unter dem zwingenden Ein¬ 
fluss einer krankhaften Erregung des Gehirns steht. Das Schönste, 
was Künstler geschaffen haben, ist gewiss ohne das gefährliche 
Hilfsmittel des Alkohols zu stände gekommen. 
Auf Delirium und Fieberwahn einzugehen lohnt sich nicht. 
Jedermann, der diese Zustände kennt, weiss, dass sie ganz anderer 
Art sind als der künstlerische Genuss oder das künstlerische 
Schaffen. Ausserdem sind die Gefühle, die man bei ihnen hat, 
fast durchweg Unlustgefühle. Es passt also eigentlich gar nichts. 
Die Halluzinationen Irrsinniger haben nur insofern mit dem 
künstlerischen Schaffen eine gewisse Verwandtschaft, als auch bei 
ihnen zuweilen eine sehr starke Illusion stattfindet. So sollen 
z. B. Maniakalische beim Anblick von Bildern nicht selten die 
Vorstellung haben, als ob die auf ihnen dargestellten Figuren sich 
bewegten, aus dem Rahmen herausträten u. s. w. Aber diese Vor¬ 
stellung unterscheidet sich von der künstlerischen Illusion dadurch, 
dass sie eine wirkliche Täuschung ist. Deshalb hat der Kranke diese 
Vorstellungen auch nicht in der Gewalt. Auch bei Künstlern, be¬ 
sonders Dichtern kommt es zwar vor, dass die Gestalten, die in ihrer 
Seele nach Verkörperung ringen, oft in beängstigenderWeise auf 
sie einstürmen, sich ihnen geradezu wie lebende Wesen aufdrängen. 
Aber nur der Anfänger lässt sich wie Goethes Zauberlehrling von 
ihnen unterkriegen. Dem Meister ziemt das Wort: „In die Ecke 
Besen, Besen, seid’s gewesen!“ Das künstlerische Schaffen über¬ 
legener Geister mit dem planlosen Thun jener Unglücklichen zu 
vergleichen, deren zeitweise krankes oder völlig anomales Gehirn 
ihrem Willen entwachsen ist und ohne die regelnde Oberaufsicht 
des Bewusstseins in ihnen weiterdenkt, ist grausam gegen diese 
und degradierend für jene. 
Seitdem die Zustände der Hypnose und Suggestion von unseren 
Medizinern eingehender erforscht werden, hat es nicht an Ver¬ 
suchen gefehlt, das Problem des künstlerischen Schaffens mit 
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ihrer Hilfe zu lösen. Mehrere Ästhetiker haben den Prozess der 
künstlerischen Zeugung als einen hypnotischen Zustand aufgefasst, 
indem sie annahmen, der Künstler versetze sich beim Schaffen in 
eine Art Autosuggestion. 
Der Unterschied der Hypnose vom Traum ist bekanntlich der, 
dass die einseitigen mit partieller Ausschaltung der Gehirnfunktionen 
erfolgenden Bewusstseinszustände, die im Traume die Folge subjek-
        

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