Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/382/
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Donquixoterie, diesen beschränkten Standpunkt für den richtigen 
oder gar für den höheren zu halten. 
Da also unter den Naturanschauungen höhere und niedere 
Grade unterschieden werden können, so hängt der Wert des Kunst¬ 
schönen von zweierlei Dingen ab, erstens davon, in welchem 
Masse es dem Künstler gelungen ist, bei Menschen seiner eigenen 
Naturauffassung Illusion zu erzeugen, zweitens davon, welchen 
Rang diese Naturauffassung unter den überhaupt möglichen ein¬ 
nimmt. Die Kunst des Kindes, seine ersten Versuche zu zeichnen, 
haben ohne Zweifel bestimmte objektive Züge, die in seinem 
Sinne als kunstschön bezeichnet werden müssen. Aber dieses 
einem niederen Verständnis entsprechende Kunstschöne ist von 
geringerem Wert als das Kunstschöne, durch das etwa Rembrandt 
oder Velazquez in Illusion versetzt worden wären. Natürlich kann 
man sich jeder Kunst gegenüber auch auf den Standpunkt der 
Naturauffassung stellen, die auf der Stufe, der sie entstammt, 
herrscht. Das ist der kunsthistorische Standpunkt und dieser ist 
jedem Kunsthistoriker geläufig. Aber das schliesst nicht aus, dass 
man ein Recht hat, diese Naturauffassung selbst wieder einer Kritik 
zu unterziehen. Und dass man das von jeher gethan hat, beweist 
eben die Unterscheidung klassischer und nicht klassischer Kunst¬ 
perioden und Künstler, worüber ich schon oben (S. 38) das Nötige 
gesagt habe. Das Schönste in der Kunst ist dann theoretisch ge¬ 
fasst das, was einerseits vom Standpunkt der vollkommensten 
Naturauffassung geschaffen ist, andererseits Menschen, die diese 
Naturauffassung haben, in die stärkste Illusion versetzt. Eine andere 
Rangierung des Kunstschönen giebt es für die Illusionsästhetik 
nicht. Insbesondere lehnt sie es ab, die Qualität des Inhalts oder 
die sinnliche Annehmlichkeit der Form oder die mit einem be¬ 
stimmten Inhalt zusammenhängende Steigerung und Idealisierung 
der Natur zum Massstab der Rangierung zu machen. 
So ist es denn auch möglich, für eine bestimmte Zeit und ein 
bestimmtes Volk, d. h. für die in dieser Zeit und bei diesem Volke 
herrschende Naturauffassung die objektiven Züge festzustellen, die 
das Kunstschöne ausmachen. Dies zu thun ist Sache der Kunst¬ 
geschichte. Für sie ist es von grösstem Werte, die Formen zu 
ermitteln, die der jeweils herrschenden Vorstellung von der Natur 
entsprechen und danach zu bestimmen, ob ein einzelnes Kunstwerk 
im Sinne seiner Zeit schön gewesen ist oder nicht. Natürlich ist 
das nur empirisch, durch Vergleichung mit der übrigen Kunst dieser
        

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