Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/376/
Persönlichkeit, den es bei der Anschauung erzeugt. Diese Wirkung 
hängt von ganz bestimmten objektiven Eigenschaften ab und den 
Komplex dieser bezeichnen wir als das Kunstschöne. Der Laie 
fasst in der Regel diese objektiven Eigenschaften bei der An¬ 
schauung nicht scharf auf, sondern begnügt sich mit dem all¬ 
gemeinen Gefühl der Ähnlichkeit. Der Künstler, der ein Porträt 
malt, weiss aber ganz genau, welche Umrisse und Farben, welche 
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Pinselstriche, welche Lichter und Schatten die Übereinstimmung 
mit der Natur hervorrufen. Dafür ist er eben Künstler. Wenn 
er nicht ganz genau wüsste, welche technischen Mittel nötig sind, 
um bestimmte Nüancen des Ausdrucks zu erzeugen, so könnte 
er niemals ein ähnliches Porträt malen. Seine Thätigkeit ist 
eben eine eminent bewusste, ganz verschieden von dem ge- 
fühlsmässigen Hindämmern, das die Anschauung der meisten 
Laien charakterisiert. Der Künstler kennt vermöge seiner ge- 
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steigerten Beobachtungsfähigkeit und langjährigen Übung ganz 
genau den Zusammenhang zwischen bestimmten Formen und dem 
geistigen Ausdruck, der durch sie erzeugt wird. Er weiss, dass 
wenn er an eine bestimmte Stelle einen Schatten setzt, der Aus¬ 
druck des Gesichts sich sofort in einer bestimmten Richtung ändert, 
ebenso dass ein Licht an einer bestimmten Stelle eine ganz be¬ 
stimmte nicht nur körperliche sondern auch geistige Veränderung 
hervorbringt. Das blosse mechanische Nachpinseln des Modells ge¬ 
nügt dazu keineswegs. Vielmehr kommt es darauf an, dass die tech¬ 
nischen Mittel, die man anwendet, auch den Bedingungen der 
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Malerei, d. h. der Übersetzung runder Formen in die Fläche ent¬ 
sprechen. Jeder, der einmal ein Porträt gezeichnet hat, weiss, dass 
die Formen oft ganz exakt sein, in allen Einzelheiten der Natur 
entsprechen können, und dass doch nicht der Eindruck des Lebens, 
der Individualität, der Persönlichkeit entsteht. Der Dilettant pro¬ 
biert dann wohl solange mit Lichtern und Schatten herum, bis 
er durch Zufall das Richtige trifft. Dann stellt sich mit einem 
Male, zu seiner eigenen Überraschung, die Ähnlichkeit ein. Und 
das eigentümliche Wonnegefühl, das dann sein ganzes Wesen durch¬ 
rieselt, ist ein konzentrierter ästhetischer Genuss, eine Gefühls¬ 
äusserung, die lange Zeit durch die Mangelhaftigkeit des Bildes 
zurückgehalten war und nun mit einem Mal, wie mit einem Zauber¬ 
schlage, hervorbricht. Der Künstler unterscheidet sich vom Laien 
dadurch, dass er diese Züge nicht durch Zufall findet, sondern mit 
Bewusstsein, vermöge seiner Kenntnis einerseits der Natur, ander-
        

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