Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/375/
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kommt natürlich noch der persönliche Farbengeschmack des Malers, 
der zu bestimmten Farbenzusammenstellungen führt. Aber gerade 
er ist wie gesagt individuell und hat deshalb für die Ästhetik keine 
Bedeutung. Es ist ja wahrscheinlich, dass der Maler selbst und 
diejenigen Beschauer, die denselben Farbengeschmack haben, das 
Kunstschöne auch in einer ihm entsprechenden Farbengebung er¬ 
kennen, aber dasselbe Gefühl darf man nicht bei allen Menschen 
voraussetzen, und die Geschichte der Porträtmalerei lehrt, dass 
diese Regeln nicht bindend sind, dass man alles das auch anders 
machen kann, ohne dadurch die Wirkung eines Bildes in Frage 
zu stellen. Man denke z. B. an das Problem des dunkeln oder hellen 
Hintergrundes. Manche Porträtmaler lassen die Köpfe ihrer Modelle 
aus einer dunkeln Umgebung hervortreten, andere setzen sie 
wieder auf einem hellen Hintergründe ab. Jeder hält natürlich 
seine Art für die schönste. Da aber beide eine plastische Wirkung 
ermöglichen, kann die Ästhetik keine von ihnen für die allein be¬ 
rechtigte erklären. 
Der altmeisterliche Stil endlich, den mehrere unserer be¬ 
deutendsten Porträtmaler für notwendig halten und durch eine 
besondere Lichtführung und Farbenzusammenstellung zu erreichen 
suchen, könnte doch nur für diejenigen Beschauer das Schöne 
repräsentieren, die kunsthistorisch genügend geschult sind, um ihn 
zu würdigen. Und gerade unter diesen wird es nicht an solchen 
fehlen, die nicht begreifen, warum gerade der eine von ihnen das 
Schöne darstellen soll, die vielen anderen die es giebt aber nicht. 
Ja sie werden vielleicht, je höher sie die alte Kunst schätzen, um 
so mehr geneigt sein zu glauben, dass wir Modernen ganz be¬ 
sondere Veranlassung haben, in unserem eigenen Stil zu malen, 
weil wir wissen, dass es auch die Alten gethan haben. Ein 
Studium der Alten ist freilich immer von Nutzen, weil diese sich 
ein höchst rationelles System ausgebildet hatten, die Natur zum 
Zweck der Illusionserzeugung auszuwählen und zu accentuieren. 
Aber es giebt daneben auch andere Arten, dies zu thun, und die 
Freude an der Eigenart gerade eines bestimmten historischen Stils 
ist nicht ästhetischer, sondern intellektueller Art. Wer im stände 
ist, ohne Nachahmung der Alten Illusion zu erzeugen, thut immer 
besser daran, auf sie zu verzichten. 
Man kann sich also drehen und wenden wie man will, die 
ästhetische Schönheit eines Porträts beruht immer in erster Linie 
auf seiner Ähnlichkeit, d. h. auf dem glaubwürdigen Eindruck der
        

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