Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/373/
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Man bezeichnet das im gewöhnlichen Leben als Ähnlich¬ 
keit. Nun haben ja viele unserer jüngeren Maler längst den 
banausischen Standpunkt überwunden, dass ein Porträt ähnlich sein 
müsse. Sie behaupten, wenn die Malerei nichts anderes bezwecke, 
so leiste die Photographie das viel besser. Ein Gemälde, das nichts 
als eine „Doublette der Natur“ sei, habe gar keine Existenz¬ 
berechtigung, die wahre Kunst fange erst jenseits der Ähnlichkeit 
an. Aber was die Photographie betrifft, so habe ich schon früher 
(S. 234) darauf hingewiesen, dass die Behauptung, sie stelle die 
Natur treuer dar als die Malerei, ganz irrtümlich ist, dass diese 
vielmehr nicht nur durch die Farbe, sondern auch weil sie den 
geistigen Ausdruck in viel treffenderer und konzentrierterer Weise 
wiedergeben kann, den Vorzug vor ihr verdient. Man wüsste auch 
wirklich nicht, warum jemand sich das Porträt eines Angehörigen 
malen liesse, wenn nicht mit der Absicht, ein ähnliches Konterfei 
von ihm zu besitzen. Das Porträt soll ihm ja Ersatz für die Wirk¬ 
lichkeit sein. Thatsächlich sind auch alle guten Porträts ähnlich. Die 
Fälle, dass Angehörige ein Porträt eines bedeutenden Bildnismalers 
wegen Unähnlichkeit zurückweisen, sind zwar nicht selten, es käme 
aber im einzelnen Falle darauf an, genau zu ermitteln, ob die 
Schuld daran mehr in der Unähnlichkeit des Bildes oder in der 
mangelhaften Beobachtungsfähigkeit des Bestellers liegt. 
Nun könnte man ja sagen: Das Gefühl, das man bei der An¬ 
schauung des ähnlichen Porträts eines Angehörigen hat, ist ein 
ethisches, d. h. die Liebe zu dieser dargestellten Person, die uns 
verwandt ist und die wir vielleicht hoch verehren. Dann würde 
es also der Inhalt des Bildes sein, was wir bei seinem Anblick 
genössen. Aber wie kommt es, dass wir auch Porträts von 
uns nicht verwandten, vielleicht ganz unbekannten Personen schön 
finden? Daraus geht doch wiederum hervor, dass das Kunst¬ 
schöne mit dem Inhalt als solchem nichts zu thun hat. Denn 
die Behauptung, dass das Kunstschöne in diesem Falle die Qualität 
des Charakters, z. B. der treue, biedere und ehrliche oder der 
geistreiche, schlaue und energische Ausdruck des Dargestellten als 
solcher sei, ist ganz unhaltbar, da es ja eine Menge guter Porträts 
giebt, deren Originale keinen nach irgend einer Richtung sym¬ 
pathischen oder ethisch wertvollen Ausdruck hatten. 
Ebensowenig ist das Kunstschöne in den sogenannten „dekora¬ 
tiven“ Eigenschaften des Porträts zu suchen, also seinem geschmack¬ 
vollen Arrangement, seiner virtuosenhaften Technik, seiner harmo-
        

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