Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/371/
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die er zur Betrachtung des Bildes mitbringt. Das Schöne ist 
keineswegs das, was immer und unter allen Umständen Illusion 
erzeugt, sondern vielmehr das, was Menschen mit richtiger und 
intensiver Naturanschauung in Illusion versetzt. 
Ebensogut kann aber auch der umgekehrte Fall eintreten, näm¬ 
lich dass der Beschauer sich eine richtige Vorstellung von der Natur 
macht, der Künstler aber infolge mangelnder Naturkenntnis oder 
ungenügender Technik ein falsches Bild von ihr gegeben hat. Das 
Resultat ist dann dasselbe, nur ist in diesem Falle das Schöne 
nicht objektiv vorhanden. Beide Male ist die Ursache des Nicht¬ 
zustandekommens der Illusion das inkongruente Verhältnis des 
Wahrnehmungsbildes zum Erinnerungsbilde. Nur liegt der Fehler 
das eine Mal auf der linken, das andere Mal auf der rechten Seite 
der geforderten Gleichung. Auf welcher Seite er im einzelnen 
Falle liegt, ist Sache der Kunstgeschichte und Kunstkritik zu ent¬ 
scheiden. Die Ästhetik kann nur im allgemeinen feststellen, warum 
dann der Kunstgenuss nicht zu stände kommen kann. 
Ich habe bisher absichtlich möglichst elementare Beispiele ge¬ 
wählt, weil bei ihnen die Verhältnisse am einfachsten liegen und 
das Urteil nicht durch Hineinspielen ethischer Momente getrübt 
wird. Einem Stillleben und einer Landschaft gegenüber kann man 
überhaupt vernünftigerweise keine ethischen Gefühle entwickeln, 
wenn man sich nicht geradezu darauf kapriziert überall moralische 
und religiöse Beziehungen hineinzudeuten. 
Eher ist die Entwickelung ethischer Gefühle schon bei figür¬ 
lichen Darstellungen möglich. Denn bei ihnen gehört, wie wir 
früher gesehen haben, zur Naturwahrheit auch die treue und glaub¬ 
würdige Darstellung des geistigen Ausdrucks. Und dieser hängt 
aufs engste mit dem Inhalt des Bildes zusammen. Da kann dann 
leicht die Meinung entstehen, dass der Reiz eines solchen Ge¬ 
mäldes auf der ethischen Bedeutung dieses Inhalts beruhe. Das 
ist aber nicht der Fall. Vielmehr beruht die Schönheit auch hier 
auf dem Verhältnis der Form zu der Vorstellung, die sich der 
Anschauende von dem dargestellten Inhalt macht. Die Form muss 
eben derart sein, dass sie bei der Anschauung die Vorstellung 
gerade des geistigen Ausdrucks erzeugt, den der Inhalt fordert. 
Das ist ästhetisch ganz dasselbe wie beim Stillleben. Denn zur 
Naturwahrheit gehört ja nicht nur die äussere Form, das Stoff¬ 
liche der Gegenstände u. s. w., was hier die Hauptrolle spielt, 
sondern auch das Geistige, der Ausdruck. Und auch dieses kann,
        

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