Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/37/
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Man könnte daraus vielleicht den Schluss ziehen, dass es 
überhaupt überflüssig wäre, ästhetische Normen aufzustellen, da 
diese ja doch immer wieder umgestossen würden und demgemäss 
über kurz oder lang ganz verschwinden müssten. Allein wenn 
das wirklich der Fall wäre, so würde jedenfalls die organische 
Entwickelung der Wissenschaft nicht eine plötzliche, sondern eine 
allmähliche Beseitigung der Normen verlangen. Wer aber beweist 
uns überhaupt, dass diese Beseitigung in infinitum so fortgehen 
• • 
muss ? Ist es nicht denkbar, dass die Ästhetik einmal zu einer so 
weiten und der Entwickelung der Kunst so förderlichen Fassung der 
Normen kommen werde, dass man sagen kann, sie könne nun in 
dieser Richtung nicht mehr weiter gehen? Natürlich ist das doch 
das Ziel, das jeder Forscher im Auge haben muss, der nicht gerade- 
• • 
zu von der Überzeugung durchdrungen ist, dass seine Wissenschaft 
nur Ermittelung von Einzelthatsachen ist, oder dass sie schon die 
höchste Stufe erreicht hat, die sie überhaupt erreichen kann. 
Nach meiner Überzeugung stellt die Illusionsästhetik diejenige 
Stufe in der Entwickelung der Ästhetik dar, die der Kunst die 
denkbar grösste Freiheit der Bewegung [gestattet und gleichzeitig 
doch die Mittel an die Hand giebt, ihre Ausschreitungen als solche 
zu 'erkennen. Denn es handelt sich bei ihr durchaus nicht um 
» 
das Oktroyieren von Gesetzen, die ihrem Wesen widersprechen, 
sondern um Ermittelung der Gesetze, die in ihrem Wesen begründet 
sind. Es kommt ihr durchaus nicht darauf an, zu dekretieren: 
so soll die Kunst sein, sondern einfach festzustellen, so ist sie. 
Sie ist aber so nicht seit gestern oder heute, sondern seit Jahr¬ 
tausenden, d. h. seitdem sie überhaupt zu ihrer vollen Ent¬ 
wickelung gelangt ist. Es gilt die Erscheinungen des künstlerischen 
Lebens zu beobachten, zu beschreiben, zu erklären und daraus zu 
•schliessen: so hat sich die Kunst einmal entwickelt, dies hat sie in 
ihren Blütezeiten angestrebt, folglich wird es wohl zu ihrem Wesen 
gehören, dass sie dies und nichts anderes anstrebt. 
Dadurch, dass die frühere Ästhetik den Schwerpunkt der Kunst 
entweder im Inhalt oder in der Form sehen zu müssen glaubte, 
wurde sie auch dazu verführt, das Kunstschöne fortwährend mit dem 
Naturschönen, dem ethisch Wertvollen und dem sinnlich Reizenden 
zu vermengen. Seitdem Kant zum erstenmal einen genialen 
Versuch gemacht hat, zwischen diesen Gebieten eine scharfe Grenze 
zu ziehen, ist unsere Ästhetik, zum Teil unter dem Einfluss der 
katholischen Romantik, immer wieder von diesem richtigen Wege
        

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