Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/363/
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bar in die Kunstform das organische Leben hinein. Gleichzeitig mit 
der Wahrnehmung der Form taucht in meiner Seele die Vorstellung 
irgend eines organischen Lebens auf, das sich nach meiner Er¬ 
innerung in ähnliche Formen kleidet. 
Man kann diese intimere Art der Anschauung, die wir als 
bewusste Selbsttäuschung bezeichnet haben, auch ganz gut als 
versuchteVerschmelzung definieren. Wenn man die W ahr- 
nehmung eines wirklichen Apfels im Verhältnis zu der von früher 
her bestehenden Vorstellung eines solchen als Verschmelzung be¬ 
zeichnet, so ist das, was bei der Anschauung eines gemalten Apfels 
zu stände kommt, offenbar eine versuchte Verschmelzung. Denn 
man bemüht sich ja, in dem Bilde einen wirklichen Apfel zu sehen. 
Aber diese Bemühung kann nach dem früher Gesagten niemals 
gelingen, da die illusionsstörenden Momente als Hindernis im Wege 
stehen. Sobald die Verschmelzung wirklich zu stände kommt, d. h. 
sobald man wirklich getäuscht wird, ist ein Kunstgenuss unmöglich. 
Ebenso verschieden von der ästhetischen Anschauung wie die 
Wahrnehmung und Vergleichung ist die Erinnerung. Wenn 
ich mir z. B. ohne bestimmte Anregung von aussen her, bloss 
durch einen spontanen Willensakt das Bild eines verstorbenen 
Verwandten oder einer mir wohlbekannten Gegend vor die Seele 
zaubere, so kann man das wohl als Phantasiethätigkeit bezeichnen, 
insofern ich mir dabei etwas vorstelle, was nicht vorhanden ist. 
Dies ist eine Art schöpferischer Akt, und man könnte denken, dass 
er sich nicht allzusehr vom Kunstgenuss unterschiede. Aber dabei 
ist doch wiederum zu bemerken, dass dadurch nur ein Bild in 
meiner Seele entsteht, und zwar in den meisten Fällen gewiss 
ein ziemlich verschwommenes. Beim Kunstgenuss ist dagegen das 
Charakteristische das, dass immer ein sinnlich wahrnehmbares 
Objekt vorhanden ist, an das sich das psychische Erlebnis anknüpft. 
Dieses sinnlich wahrnehmbare Objekt ist immer die Schöpfung 
eines Künstlers, d. h. einer von mir verschiedenen Persönlichkeit, 
für die ich bei der Anschauung ein bestimmtes Gefühl in mir 
habe. Dieses Gefühl fällt bei der Erinnerung einfach weg. Die 
Erinnerung ist eben nur die spontane Erzeugung einer Vorstellung, 
deren sinnliches Substrat in derselben Zeit nicht vorhanden ist, der 
Kunstgenuss dagegen ist die Erzeugung einer solchen Vorstellung auf 
Grund einer sinnlich wahrnehmbaren menschlichen 
Schöpfung. Zwar kann auch eine blosse Erinnerung mir Ver- 
gnügen bereiten. Aber dieses Vergnügen ist ein ethisches oder
        

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