Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/350/
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misses, d. h. die, bei der beide Vorstellungen genau in gleicher 
Stärke lebendig sind. Aber trotz aller Verschiedenheiten haben 
diese Anschauungsweisen doch ein Gemeinsames, nämlich das 
gleichzeitige Vorhandensein zweier paralleler Vorstellungsreihen, die 
sich inhaltlich eigentlich ausschliessen. 
Ferner vermute ich, dass bei dem abwechselnden Insbewusst- 
seintreten der beiden Reihen die gegensätzlichen Vorstellungen be¬ 
sonders häufig nebeneinander treten. An sich wäre es ja auch 
möglich, dass z. B. erst mehrere Vorstellungen der einen Reihe, 
dann mehrere der anderen hintereinander über die Schwelle des 
Bewusstseins gehoben würden. Und häufig rnag das auch der 
Fall sein. Ich glaube aber an mir beobachtet zu haben, dass ich 
z. B. bei der Anschauung von Gemälden auf die Wahrnehmung 
der Fläche mit ihren Pinselstrichen gern unmittelbar die Vorstellung 
des Raumes, der hinter ihr in die Tiefe gehend gedacht ist, folgen 
lasse. So sieht man im einen Augenblick einen roten Farbenfleck 
und fasst ihn als Farbenfleck auf, unmittelbar darauf kneift man 
die Augen etwas zu oder entfernt sich etwas von dem Bilde, und 
es ist eine Kirsche. Eben sieht man einen dunkeln Strich im 
Gesicht eines Menschen, im nächsten Augenblick ist es der Aus¬ 
druck des Grams oder Zornes. Eben hört man bestimmte Töne 
in Moll, unmittelbar nachher ist es Klage und Trauer u. s. w. 
Doch glaube ich nicht, dass man hierüber allgemeine Gesetze 
geben kann. 
Statt des Pendelbildes hätte man auch noch andere Bilder 
brauchen können. Zum Beispiel das von dem Felsen, der den Berg 
heraufgewälzt wird und immer wieder herunterrollt. Das Herauf¬ 
wälzen würde dann dem Sichhineinsteigern in die Illusion, das 
Herabrollen dem Herausfallen aus derselben entsprechen. Nun 
wird man freilich einwenden : Eine solche anstrengende und frucht¬ 
lose Thätigkeit kann unmöglich lusterregend sein. Gewiss. Aber der 
Kunstgenuss ist ja gar keine ernste Thätigkeit und hat gar keinen 
unmittelbaren Zweck. Er ist vielmehr, wie ich im 15. Kapitel noch 
näher nachweisen werde, ein Spiel, und auch unter den körperlichen 
Spielen giebt es solche, die auf einen vereitelten und immer wieder 
unternommenen Versuch hinauslaufen. 
Zum Beispiel das Schaukeln. Dasselbe beginnt fast immer mit 
einem äusseren Anstoss, den der Schaukler von anderer Seite erhält. 
Man könnte ihn mit der Wahrnehmung des Kunstwerks vergleichen, 
das ja auch von aussen an den Geniessenden herantritt und den
        

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