Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/340/
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auch einen verschiedenen ästhetischen Mittelwert haben. Von einer 
Übereinstimmung des Geschmacks könnte also höchstens bei Men¬ 
schen desselben und zwar eines sehr engen Kulturkreises die Rede 
sein. Die Ästhetik ist aber nicht die Beschreibung des Geschmacks 
eines solchen Kulturkreises. 
Aus alle dem ergiebt sich nun zur Genüge, dass die Form als 
blosse Form für den Kunstgenuss nur eine geringe Bedeutung hat. 
Was an ihr selbständiger Reiz, d. h. unabhängig von der Illusion 
ist, kann wohl einen gewissen äusseren, d. h. rein sinnlichen Genuss 
gewähren, aber nicht im eigentlichen Sinne ästhetisch anregen. Die 
Form kommt also als solche für den höheren ästhetischen Genuss 
überhaupt nicht in Betracht, sondern nur als Vehikel der Illusion, 
als Mittel des Gefühlsausdrucks, der Erzeugung einer Vorstellung. 
Einen Gegensatz zwischen Form- und Inhaltsästhetik kann es also 
eigentlich nicht geben. Jede wahre Ästhetik ist Formästhetik, weil 
sie Inhaltsästhetik, und Inhaltsästhetik, weil sie Formästhetik ist. 
Beides fällt zusammen. 
ZWÖLFTES KAPITEL 
DER LUSTERREGENDE WECHSEL 
ZWEIER VORSTELLUNGSREIHEN 
WIR haben im achten und neunten Kapitel gesehen, dass die 
Bedingung jedes Kunstgenusses das strenge Auseinander¬ 
halten des wahrgenommenen Kunstwerks und der Vorstellung, die 
es erzeugen soll, ist. Der ästhetische Genuss ist also die Folge 
einer gleichzeitigen Entstehung zweier Vorstellungsreihen, die sich 
eigentlich ausschnessen. Kunst und Natur, Schein und Wirklich¬ 
keit, sinnliche Wahrnehmung und Gefühl kommen dem An¬ 
schauenden nebeneinander zum Bewusstsein, und zwar in gleicher
        

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